Valentin Krasnogorov

 

Leichte Bekanntschaft

 

 

 

Theaterstück in zwei Akten

 

 

Handelnde Personen:

Er

Sie

 

 

 

 


Anmerkungen des Übersetzers:

 

{Erklärende Kommentare in geschweiften Klammern.}

 

In der Höflichkeitsform werden Personen mit Vor- und Vaternamen angesprochen, (zum Beispiel Andrèj Albèrtowitsch).

Zur korrekten Betonung der Eigennamen sind Zeichen gesetzt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Letzter Stand der Übersetzung: 19.05.2013 14:36
Inhaltsangabe

 

Ein Mann und eine Frau treffen spät abends im Restaurant eines Hotels aufeinander und lernen sich kennen, wobei die Initiative in diesem Bekanntwerden die Frau ergreift. Sehr schwer zu verstehen, wer diese seltsame Unbekannte ist: Eine Nachtschwärmerin oder eine elegante Glücksritterin. Der Mann kann nicht bestimmen, ob sie ihm gefällt, ob sie mit ihm spielt, oder einfach verdienen will. Das mündliche Duell dieser Figuren spiegelt ihre gegenseitige Anziehung und Abstoßung wider, ihre Einsamkeit und den Versuch, sie zu überwinden, ihre Sehnsucht nach Liebe und die Angst davor.

 

 

Zwei über dem Abgrund

Aus dem Vorwort des Regisseurs Leonìd Cheìfez zur Veröffentlichung des Stücks in der Zeitschrift Zeitgenössische Dramaturgie.

 

Ich habe das Lesen diese Stücks lange vor mir hergeschoben. Ich wollte es mit nüchternem Kopf lesen. Es klappte nicht. Dann entschied ich mich für die einfachste Variante: Ich lese den Anfang und dann stückweise und nach Möglichkeit. Ich begann zu lesen. Der Funke sprang über. Ich musste eine Pause machen. Aber ich wollte noch ein Stückchen lesen Und dann las ich alles in einem Atemzug durch.

Für mich ist das ein Wunder. Vielmehr ein seltener Fall. Ich habe schon lange kein Stück mehr auf einmal bewältigt. Ich war wie berauscht. Ich unterrichte im Institut, probe im Theater Und dann hat Valentin Krasnogorov so ein Stück geschrieben. Man kann sagen, eine meisterliche Arbeit. Blendend aus handwerklicher Sicht. Auch zu heutigen Zeiten eine seltene Sache. Wort für Wort ins Schwarze. Wo gibt es jetzt noch so eine Dramaturgie? Halloooo!?

Ich wiederhole und bestehe darauf: Das Stück ist blendend gemacht Hinter der meisterhaften Ausführung der Dialoge schlägt der Puls heißen Bluts.

 

 

 

 

 

Immer wieder, ob wir der Liebe Landschaft auch kennen
und den kleinen Kirchhof mit seinen klagenden Namen
und die furchtbar verschweigende Schlucht, in welcher die anderen
enden: immer wieder gehn wir zu zweien hinaus
unter die alten Bäume, lagern uns immer wieder
zwischen die Blumen, gegenüber dem Himmel.


Aus: R.M.Rilke, Die Gedichte 1910 - 1922 (Ende 1914)

 


Erster Akt

 

(Saal eines Hotelrestaurants. Spät abends, das Restaurant ist fast leer. An einem der Tischchen, isst ein Mann mittleren Alters, sich nicht beeilend, zu Abend und liest, scheinbar zerstreut, handschriftliche Aufzeichnungen.

Einige Tische weiter entfernt sitzt eine gut gekleidete, anziehende Frau im besten Alter. Sie trinkt gemächlich Kaffee. Mann und Frau achten scheinbar nicht aufeinander. Obwohl sie ihm unbemerkt einige Blicke zuwirft. Der Mann klopft mit dem Messer an sein Glas, nachdem er den Saal mit Blicken nach dem Kellner abgesucht hat.

Die Frau, offenbar einen Entschluss gefasst, steht auf und tritt an seinen Tisch.)

 

SIE: Entschuldigen Sie, ist hier frei?

(Der Mann hebt den Kopf, sieht sich im leeren Saal um und schaut erstaunt auf die Frau.)

SIE: Ich frage, ist hier frei?

ER: Ja, frei.

SIE: Kann ich mich auf diesen Stuhl setzen?

(Er räumt unwillig die auf dem Stuhl liegende Aktentasche weg.)

ER: Ja, bitte.

(Sie setzt sich. Er nimmt aus der Tasche ein Papier und vertieft sich demonstrativ darin, einige Korrekturen machend. Sie hängt ihr Täschchen an die Lehne des Stuhls, richtet ihre Frisur und setzt sich bequemer auf dem Stuhl zurecht. Man merkt, dass sie sich auf längere Zeit einrichtet.)

 

 

SIE: Entschuldigen Sie, haben Sie Streichhölzer?

ER: (Sich vom Lesen abwendend) Was?

SIE: Ich frage: Haben Sie Streichhölzer?

ER: Ich rauche nicht.

SIE: Schonen Sie die Gesundheit?

ER: Ich rauche einfach nicht.

SIE: Recht so. Ich rauche auch nicht.

ER: Warum haben Sie dann um Streichhölzer gebeten?

SIE: Ich habe nicht darum gebeten. Ich wollte einfach wissen, ob Sie welche haben oder nicht.

ER: Angenommen, nicht. Was dann?

SIE: Nichts.

ER: Und wenn ich welche habe?

SIE: Auch nichts.

ER: Der Versuch, ein Gespräch anzufangen?

SIE: Vielleicht.

ER: Gehen Sie davon aus, dass er nicht geklappt hat.

SIE: Überhaupt, geht man davon aus, - und ich weiß nicht warum, dass ein Gespräch anzufangen, dem Herren zusteht.

ER: Wenn er das will.

SIE: Und Sie wollen nicht?

ER: Und ich will nicht.

SIE: Nun denn, dann werden wir eben gemeinsam schweigen.

(Er bemüht sich erneut, das Dokument zu lesen. Sie schaut ihn schweigend an.)

ER: (Wendet sich gereizt vom Lesen ab.) Warum starren Sie mich an? Was wollen Sie?

SIE: Nichts. Vielleicht Sie ein bisschen reizen.

ER: Weshalb?

SIE: Ich weiß nicht. Wahrscheinlich aus Langeweile.

ER: Gehen Sie, vergnügen Sie sich woanders.

SIE: Ist Ihnen denn nicht langweilig? Sie sind zugereist hier, in einer fremden Stadt können Sie nichts unternehmen

ER: Warum gehen Sie davon aus, dass ich zugereist bin?

SIE: Wer kann denn noch spät abends in einem Hotelrestaurant mit der Aktentasche sitzen und irgendein tristes Schriftstück lesen?

ER: Und Sie schlagen mir vor, mich zu vergnügen?

(Sie antwortet nicht. Er schaut sie zum ersten Mal aufmerksam an und schätzt sie von Kopf bis Fuß ab.)

SIE: (Seinem Blick folgend richtet sie sich auf, rückt die Schultern zurecht und fragt leicht ironisch, dabei posierend.) Nun, gefällt´s?

ER: (Ungern zugebend.) Nicht schlecht.

SIE: Danke. Also, vielleicht machen wir uns endlich bekannt?

ER: Danke für den Vorschlag, aber ich bin kein Liebhaber von leichten Bekanntschaften.

SIE: Aber warum gehen Sie davon aus, dass die Bekanntschaft mit mir leicht wird? Ich verspreche, dass sie schwierig wird.

ER: Sie wird überhaupt nichts.

SIE: Aber sie hat doch schon stattgefunden.

ER: Nichts dergleichen. Ich kenne Sie nicht und will Sie nicht kennen.

SIE: Warum denn so schroff?

ER: Um gleich den Punkt auf das I zu setzen. Geh und fang dir einen anderen Mann! (Steckt entschlossen das Papier in die Aktentasche.)

SIE: Und wenn ich ausgerechnet Sie fangen will?

ER: Vergeude keine Zeit, das klappt nicht. Zufällige Verbindungen sind nicht mein Stil. Außerdem liebe ich meine Frau.

SIE: (Mit gespielter Verwunderung.) Was Sie nicht sagen? Ein Mann wohnt im Hotel und gesteht einer Frau, dass er verheiratet ist! Und seine Frau auch noch liebt! Ein seltenes Beispiel von Aufrichtigkeit und Ordnungssinn.

ER: So oder so, ich bin verheiratet und damit Schluss.

SIE: Aber wen stört das? Habe ich denn mit einem Wort bemerkt, dass Sie mich heiraten sollten?

ER: Bisher nicht, aber deiner Eile nach, spielst du vielleicht bald darauf an. (Sieht sich im Saal um.) Wohin ist dieser verdammte Kellner verschwunden?

SIE: (Sich noch gemütlicher setzend.) Ich spüre, dass Sie nicht von Ihrer Standhaftigkeit überzeugt sind und mich deshalb vertreiben.

ER: Hören Sie zu, das beginnt mir lästig zu werden. Hier gibt es ausreichend freie Tische. Warum, haben Sie sich ausgerechnet zu mir gesetzt?

SIE: Weil ich das wollte.

ER: Ich sehe, so einfach lassen Sie nicht von mir ab, deshalb, lass uns eines klar stellen: Ich bin dagegen und habe mit Straßenmädchen nichts am Hut. Du hast keinerlei Chance.

SIE: Und Sie, versteht sich, bevorzugen ordentliche.

ER: Versteht sich.

SIE: Aber was ist denn nach Ihrer Meinung ein Straßenmädchen?

ER: Eine, die Liebe für Geld verkauft.

SIE: Das heißt, Sie bevorzugen ordentliche aus Sparsamkeit?

ER: Ärger´ mich nicht!

SIE: Das werd´ ich nicht. Das heißt, für Sie bin ich eine von der Straße?

ER: Was denn sonst?

SIE: Mache ich mich denn auf der Straße an Sie heran?

ER: Auf der Straße, im Restaurant welcher Unterschied? Hauptsache, für Geld.

SIE: Habe ich Sie um Geld gebeten?

ER: (Unwillig.) Bisher nicht.

SIE: Sagen Sie, und wenn eine Frau ihren Mann kostenlos betrügt, ist sie dann ordentlich?

ER: (Weiß nicht, was er sagen soll.) Mach mich nicht an!

SIE: Und wenn ich mit Ihnen eine Nacht ohne Geld verbringe, werde ich ordentlich sein?

ER: Ich hab´ doch gesagt, mach mich nicht an!

SIE: Mit einem Wort, Sie lehnen mich ab.

ER: Ja.

SIE: Warum?

ER: Ich fürchte, dass ich nach dieser feurigen Nacht zum Arzt muss, und dann wird sie wirklich unvergesslich.

SIE: Fürchten Sie sich tatsächlich davor, oder wollten Sie mich beleidigen?

ER: Ich fürchte mich tatsächlich davor.

SIE: Aber ich dachte doch, dass Sie vor der Verführung die Ordentlichkeit bewahrt.

ER: Und Ordentlichkeit auch.

SIE: Sehr löblich. Wie hat Horazius noch geschrieben, Fliehe vor aller Lust, der Preis der Lust ist Leiden.

ER: (Kann seine Verwunderung nicht verbergen.) Zum ersten Mal treffe ich eine Frau, vom Leichten Gewerbe, die Horazius zitiert.

SIE: Treffen sie sich denn oft mit solchen Damen?

ER: Das geht nur mich an.

SIE: Haben Sie denn viele Ingenieure getroffen, die Horazius zitierten? Oder Ärzte?

ER: Ehrlich gesagt, nicht viele. Überhaupt keine. Woher haben Sie diesen Horizont?

SIE: Das hab´ ich bei den Kunden aufgefangen. Unter denen gibt es durchaus auch intelligente. (Betont.) Manchmal auch mit akademischen Grad.

ER: (Wirft ihr einen prüfenden Blick zu.) Wissen Sie irgendetwas über mich?

SIE: Kann sein.

ER: Ich sehe, bei Ihnen muss man auf der Hut sein. Und um Worte sind Sie auch nicht verlegen.

SIE: Verlegenheit ist meine Sache nicht.

ER: (Sieht sie wieder aufmerksam an.) Ich kann Sie einfach nicht durchschauen.

SIE: Ich denke, das lohnt sich nicht. Sie würden es bedauern.

ER: Sie gleichen keiner gewöhnlichen Prostituierten.

SIE: Ich sehe, Sie haben eine reiche Erfahrung. Ungeachtet Ihrer Kälte, Standhaftigkeit und des Widerwillens wissen Sie von irgendwoher, wem Prostituierte gleichen.

ER: Aus dem Kino.

SIE: Seien Sie nicht bescheiden! Sagen Sie lieber, wie Nachtschwärmer aussehen und sich verhalten.

ER: Ich weiß nicht Wahrscheinlich hemmungsloser.

SIE: Sie wollten wohl sagen, aufreizender. Sagen wir, so. (Schlägt die Beine übereinander, macht eine Schulter frei, streift den Saum des Kleids bis zur äußersten Grenze und steckt sich eine virtuelle Zigarette an.) Ähnlich?

ER: (Unwillkürlich lächelnd/schmunzelnd.) Wahrscheinlich.

SIE: Gefällt Ihnen das?

ER: Ja und nein. Es stößt ab aber zieht auch an.

SIE: Danke für das offenherzige Bekenntnis.

ER: (Gießt ihr aus einer Karaffe ein.) Etwas Wodka?

SIE: Was denn, trinken denn solche Mädchen in den Filmen immer Wodka? Ich geh´ selten ins Kino, aber ich dachte, dass deren eigentliche Beschäftigung eine ganz andere ist.

ER: Wenn Sie nicht wollen, trinken Sie nicht! Ehrlich gesagt, ich mag ihn {Wodka} auch nicht.

SIE: Also, und wie stehen Sie zu den Frauen des Freien Berufs.

ER: (Zuckt mit den Schultern.) Ich weiß nicht. Wenn sie schon existieren, werden sie wohl von jemandem gebraucht.

SIE: Aber nicht von Ihnen.

ER: Nicht von mir.

SIE: Womit haben die Sie denn so verärgert?

ER: Damit, dass sie sich allen und jedem hingeben.

SIE: Warum sollten sie denn nicht demjenigen Vergnügen bereiten, der daran Bedarf hat? Ich würde sagen, das ist sogar unsere weibliche Aufgabe. (Mit gespielter Feierlichkeit.) Schon Platon hat bestätigt, dass wir nicht nur für uns selbst leben sollten, sondern teilweise auch der Öffentlichkeit gehören, teilweise den Freunden.

ER: Sie sind aber gut beschlagen.

SIE: Das Leben ist der beste Schmied. Es schmiedet manchmal so hart, dass dir beim Ritt der Kopf dröhnt.

ER: Was immer du auch sagst, sich zu verkaufen ist unmoralisch.

SIE: Irgendwie verkaufen wir alle unsere Zeit, unsere Dienste, unsere Arbeit. Ist es Ihrer Meinung nach moralischer, wenn eine Frau am Fließband steht, sich das Kreuz auf dem Bau verbiegt oder Erde umgräbt? Und außerdem, die, die Sie so angreifen, faulenzen nicht, sondern arbeiten. In Amerika nennt man solche Damen sexual workers, sexuelle Arbeiter, und sie sind in einer Gewerkschaft organisiert. In Holland nennt man sie poetischer Froelichsmädchen, Freudenmädchen. Bei uns dagegen verleiht man ihnen wer weiß was für welche Namen, von Schimpfworten ganz abgesehen.

ER: Verdienen sie denn nicht solche Bezeichnungen?

SIE: Welche verdienen dann die Männer, die deren Dienste in Anspruch nehmen?

ER: Nun, es gibt einen Unterschied.

SIE: Versteht sich, es gibt einen. Öffentliche Frauen, die machen das wenigstens wegen des Verdienstes. Aber Männer aus Wollust und Perversität.

ER: Ich hoffe, Sie meinen nicht mich?

SIE: Nein, nicht Sie. Natürlich nicht Sie. Sie sind tadellos. (Erhebt sich und nimmt ihre Tasche.) Ich werde Ihnen wohl nicht weiter mit meiner Gesellschaft lästig werden. Ich habe Sie ein bisschen gereizt, und damit Schluss. Ihre Aufzeichnungen sehnen sich nach Ihnen. Alles Gute.

ER: Warten Sie Wohin gehen sie?

SIE: Ich hab´ Sie schon lange genug angehört.

ER: Ich vertreibe Sie eigentlich gar nicht.

SIE: Und wer hat den Punkt auf das I gesetzt und Klarheit geschafft?

ER: Nun, ich war ein bisschen schroff.

SIE: Sind Sie wirklich nicht böse?

ER: Nein. Weshalb? Und mir war zugegeben ziemlich einsam. Draußen ist eine abscheuliche Herbstnacht, Kälte und Wind

SIE: Dann gehen Sie schlafen!

ER: Zu mir ins Zimmer? Dort herrscht tödliche Langeweile. Und ich schlaf´ trotzdem nicht ein.

SIE: Quält Schlaflosigkeit?

ER: (Nickt.) Eigentlich, ja. Chronische.

SIE: Nun gut, dann werde ich noch ein bisschen bei Ihnen bleiben.

ER: Vielleicht bestellen wir etwas?

SIE: Kein Bedarf, danke. Ich will Sie nicht ruinieren.

ER: Mein Geldbeutel wird diesen Schlag verkraften.

SIE: Nein, ich danke Ihnen.

ER: Dann eine Tasse Kaffee?

SIE: Nein.

ER: (Ergreift die Karaffe.) Vielleicht trotzdem etwas Kräftiges? (Da sie ihn, statt zu antworten, nur schweigend ansieht, fährt er fort.) Wer sind Sie eigentlich?

SIE: Sie sehen selbst eine Männerjägerin.

ER: Das ist klar. Und genauer?

SIE: Sag´ ich nicht. Ein Geheimnis verleiht einer Frau Anziehungskraft. Ein Mann will sie sofort verstehen.

ER: Glaubst du?

SIE: Ich weiß es. Andernfalls wird sie uninteressant, wie ein gelöstes Kreuzworträtsel.

ER: (Lachend.) Welche Geheimnisse kannst du haben?

SIE: Ehrlich gesagt, keinerlei. Deshalb muss ich sie mir ausdenken, um interessanter zu sein. Dich habe ich gesehen, aber mein Geheimnis verdeckten die Züge Mein Geheimnis verdeckte die Züge?

ER: (Betrachtet sie aufmerksam.) Geheimnis oder nicht, aber ich kenne dich überhaupt nicht.

SIE: Sehr gut. Wer bist du ich kenne dich nicht. Aber unsere Liebe steht uns noch bevor.

ER: Nun, bezüglich der bevorstehenden Liebe bin ich mir nicht sicher.

SIE: Ach ja, ich hab´ vergessen: Sie sind doch verheiratet. Liebe von einer Anderen, sogar für eine Nacht, ist für Sie unmöglich.

ER: Hat für dich Treue in der Ehe keine Bedeutung?

SIE: Wenn sie für Sie so wichtig ist, dann bin ich bereit, Sie für ein paar Stunden zu heiraten.

ER: Für ein paar Stunden?

SIE: Ja, und? Das ist angenehmer, als für das ganze Leben.

ER: Dir ist auch nichts heilig.

SIE: (Verächtlich.) Lassen Sie! Mit hohen Worten werden gewöhnlich niedrige Taten und schmutzige Absichten verdeckt. Und je unansehnlicher die Dinge, desto schöner die Worte. Männer reden angeregt von deinen schönen Augen, die Sternen gleichen, und zur selben Zeit fassen sie dir unter den Rock. Gezwungenermaßen wirst du Realistin.

ER: Denken Sie tatsächlich, dass alle Männer so sind?

SIE: Ich wäre froh, anders denken zu können, aber

Aber bedauernswert der, der alles vorhersieht,

Dessen Kopf sich nicht dreht,

Der alle Bewegungen, alle Worte

In ihrer Übersetzung hasst,

Dessen Herz der Verstand verurteilt

Und sich zu vergessen verbat

{A.Puschkin, aus dem Verseroman Evgènij Onègin}

(Kurze Pause.)

ER: Sie kennen sogar Gedichte. Woher diese Gelehrtheit?

SIE: Ach, Sie wieder, was heißt denn da Gelehrtheit Evgènij Onègin nimmt man in der Schule durch. Diese schönen Zeilen kennt jedes romantische Mädchen. (Ändert den Ton und lächelt.) Entschuldigen Sie, das war eine momentane Schwermut. Schon vorbei. Ich bin wieder bereit, Sie zu vergnügen, wie eine japanische Geisha.

ER: Wie heißt du?

SIE: Das ist nicht wichtig. Wir gehen trotzdem morgen früh auseinander und werden uns nie mehr wiedersehen.

ER: Ich sehe, du gehst davon aus, dass diese Sache schon entschieden ist.

SIE: Dass wir auseinandergehen

ER: Nein, dass morgen früh.

SIE: Und wann denn? Übermorgen?

ER: Nein, heute Abend. Wir stehen vom Tisch auf und winken uns mit der Hand zu.

SIE: Schlecht der Mann, der eine Frau zum Abendessen einlädt, nicht hoffend, mit ihr auch zu frühstücken.

ER: Aber ich hab´ dich nicht zum Abendessen eingeladen. Du hast dich selber eingeladen. Sagen Sie, gehen Sie wirklich diesem Beruf nach?

SIE: Ich mag meinen Beruf und habe ihn lange studiert. Ich schäme mich kein bisschen. Und überhaupt, wer ich bin ist für Sie schon lange klar, da gibt es nichts zu reden. Erzählen Sie lieber über sich.

ER: Nichts zu erzählen.

SIE: Warum denn nichts? Zum Beispiel haben Sie mit Stolz erklärt, dass Sie verheiratet sind. Hier, erzählen Sie über Ihre Frau.

ER: Weshalb?

SIE: Ich will Ihren Geschmack kennenlernen. Der Frau am Rand ist es immer interessant, über die Frau im Zentrum zu hören.

ER: (Unwillig.) Was ist hier zu sagen? Ehefrau ist Ehefrau.

SIE: Ehefrau ist Ehefrau... Direkt nach Tschechov. Drei Schwestern. Ist sie Blondine, brünett?

ER: Was ist schon der Unterschied?

SIE: Nichts. Einfache Neugier. Haben Sie ein Foto?

ER: Nein. Und wenn ich eins hätte, würde ich´s nicht zeigen.

SIE: Das versteht sich. Weshalb das reine Angesicht einer Ehefrau-Schönheit irgendeinem Mädchen vorführen? Gefällt sie Ihnen?

ER: Sie gefällt.

SIE: In allen Beziehungen?

ER: In allen Beziehungen.

SIE: In der intimen auch?

ER: In der intimen besonders.

SIE: Und Sie wollen sogar keine Abwechslung, manchmal?

ER: Nein, keine.

SIE: Lüge! Das widerspricht der Natur des Mannes. Das sollten Sie aber wissen, Sie sind doch Biologe. Oder Psychologe?

ER: (Erstaunt.) Woher weißt du, dass (Verdacht schöpfend.) Du spürst mir nach, nicht wahr? Das gefällt mir nicht.

SIE: (Über seinen verdutzten Anblick lachend.) Ich kann im Gesicht lesen.

ER: Nein, ernsthaft.

SIE: Ernsthaft im Gesicht. Und noch auf dem Schildchen, das an Ihrem Jackett hängt. Vierte Internationale Konferenz für biologische Psychologie. Sie sind doch hierher zur Konferenz gekommen?

ER: Ja, richtig.

SIE: Sind dabei mit einem Vortrag aufgetreten?

ER: Aufgetreten.

SIE: Nun also, was spricht denn Ihre biologische Psychologie? Will der Mann Abwechslung oder nicht?

ER: (Verstimmt.) Jedenfalls nicht mit solchen, wie dir.

SIE: Danke, Sie sind sehr freundlich.

ER: Ich sag´ einfach, wie es ist.

SIE: Und wenn Sie sagen, wie es ist, dann geben Sie auch zu, dass Ihre Ehe nicht zu glücklich ist.

ER: Wie kommst du denn darauf?

SIE: Ich hör´s am Ton, in dem Sie darüber reden, oder besser, nicht reden wollen. Außerdem sind Ehen selten glücklich. Also ist Raten nicht schwer.

ER: (Trocken.) Behalt dein Raten für dich!

SIE: Ich hab´ in s Schwarze getroffen, deshalb empören Sie sich.

ER: Du irrst dich.

SIE: Ich irre mich? Da bin ich aber froh für Sie. Nun, und wie leben Sie so mit Ihrer Ehefrau ist Ehefrau?

ER: Wie alle.

SIE: Wie alle? Klar.

ER: Was ist dir klar?

SIE: Wie alle. (Zitiert schmunzelnd.)

Meine Kameraden lebten mit Schwiegermüttern

Und Ehefrauen, diesen Schwiegermüttern ähnlich,

Zu dicken, zu hageren,

Müden, gewöhnlichen, wie Regen

{Borìs Sluzkij, zeitgenössicher russischer Dichter, +1968}

ER: (Erregt.) Du, allerdings, geh nicht zu weit und misch dich nicht in mein Familienleben!

SIE: (Ironisch.) Das ist heilig.

ER: Heilig oder nicht heilig, aber dich geht es nichts an.

SIE: Warum sind Sie denn beleidigt? Ich habe bloß ein Gedicht zitiert. Und nicht mal mein eigenes.

ER: Schreibst du auch eigene?

SIE: Kann sein.

ER: (Grob.) Also, ich hätte nicht vermutet, dass Huren so romantisch-poetisch sein können.

SIE: Ihrer Meinung nach können nur Ehefrauen romantisch-poetisch sein? Das wusste ich nicht.

ER: Weißt du, was? Du redest zu viel. Schweig lieber und trink!

SIE: Ich will nicht. Ich mag keinen Wodka.

ER: Hast du etwa mit Champagner gerechnet?

SIE: (Den Ton ändernd.) Ich rechnete wenigstens mit einfacher Höflichkeit. Höflichkeit eines Mannes in Beziehung zu einer Frau. Eines Menschen in Beziehung zu einem anderen Menschen. Ich habe Ihnen noch nicht meinen Preis genannt, aber Sie haben mich schon als Hure beschimpft. Dazu duzen Sie mich noch, obwohl ich Sie höflich anrede. (Erhebt sich.) Und nun, leben Sie wohl. Ich werde Sie nicht länger langweilen. (Lässt ihn alleine und geht zu ihrem Tischchen zurück.)

(Pause. Sie trinkt langsam ihren kalt gewordenen Kaffee. Er steht auf, setzt sich aber wieder, nimmt wieder ein Papier zur Hand, aber er kann sich offenbar nicht konzentrieren. Das Papier zur Seite werfend geht er mit entschlossenen Schritten zu ihr und setzt sich neben sie. Sie bremst ihn.)

 

 

SIE: Ich erlaube Ihnen nicht, Platz zu nehmen.

ER: (Sich erhebend.) Entschuldigen Sie. (Geht um zwei Schritte zurück und tritt wieder an den Tisch. Sehr höflich.) Verzeihen Sie, ist hier nicht besetzt?

SIE: Frei.

ER: Darf ich mich setzen.

SIE: Bitte.

ER: Ich danke Ihnen. (Setzt sich, schweigt.) Warum gingen Sie weg?

SIE: Von weitem schienen Sie mir ein intelligenter Mensch zu sein. Also entschloss ich mich wieder auf diese Entfernung zurückzugehen. Aber ach, die Illusion hat sich nicht wiederholt.

ER: Ich gebe zu, ich war wirklich ein bisschen grob zu Ihnen.

SIE: Ein bisschen?

ER: Sehr. Ich bedaure.

SIE: Freut mich, das zu hören.

ER: Wer immer Sie auch sind, ich hätte mich höflich benehmen sollen. Sie hatten Recht, mich zurechtzuweisen. Ich habe Sie nicht sofort geschätzt und mich zu Ihnen ziemlich nachlässig und herablassend verhalten.

SIE: Und ich war ziemlich direkt, was ich auch bedaure. Angenehm zu sehen, dass Sie sich jetzt wie ein richtiger Mann benehmen. Gehen sie davon aus, dass der Konflikt beigelegt ist.

ER: Ich war verpflichtet, mich zu entschuldigen, aber das ändert nichts am Charakter der Sache. Ihr Beruf weckt in mir nach wie vor keine Begeisterung, und an Ihren Diensten habe ich keinen Bedarf.

SIE: Nun gut, jetzt, nachdem wir uns beide entschuldigt haben, können Sie zu Ihrem Abendessen und Ihrer üblichen Arbeit zurückkehren.

ER: (Erhebt sich, geht aber nicht weg.) Warum sollten wir nicht zusammen zu meinem Tischchen zurückgehen?

SIE: Und worin ist das besser, als meines?

ER: Und worin schlechter?

SIE: Sehen Sie, wenn sich eine Frau zu einem Mann setzt, dann wird das als unmoralisch empfunden, was Sie mir auch mit der Ihnen eigenen Feinfühligkeit zu verstehen gaben. Und wenn sich ein Mann an den Tisch einer Frau setzt und beginnt, sie anzumachen, dann wird das, warum auch immer, als völlig normal empfunden und wirft keinerlei Schatten auf einen von beiden. Deshalb bleibe ich wohl an meinem Tischchen. Hier fühle ich mich wenigstens als Hausherrin. Und niemand kann sagen, ich würde mich irgendjemandem aufdrängen.

ER: Anders gesagt, Sie laden mich ein, mich hierher zu setzen?

SIE: Das habe ich nicht gesagt. Aber wenn Sie um meine Erlaubnis bitten, dann sage ich nicht ab.

ER: Verstehe. Also, erlauben Sie?

SIE: Ich gebe Ihnen eine Bewährungsfrist.

ER: Danke. (Er setzt sich. Es entsteht ein lange Pause.)

SIE: Nun, was schweigen Sie denn?

ER: Und was sollte ich sagen?

SIE: Da Sie sich schon zu mir gesetzt haben ist die Reihe an Ihnen, mich zu unterhalten

ER: Ihnen gelingt das besser.

SIE: Danke. Übrigens, Sie kennen meine Fähigkeiten noch nicht in vollem Umfang. Wie sagte eine prahlerische Primadonna eines Singspiels, meine volle Stimme gebe ich abends.

ER: Das klingt vielversprechend.

SIE: Ich halte meine Versprechungen immer.

ER: Gestatten Sie noch einmal zu wiederholen: Sie sind eine interessante Gesprächspartnerin und mit Ihnen zu reden bin ich bereit, so lange Sie wollen. Aber nicht mehr als das. Wenn Sie also mit einem Verdienst rechnen, dann verlieren Sie besser keine Zeit und suchen sich einen anderen Klienten.

SIE: Sie verhalten sich sehr seltsam. Gewöhnlich wollen Männer ohne Gespräche direkt zur Sache kommen. Sie aber bevorzugen Gespräche und weichen von der Sache ab.

ER: Das, was Sie Sache nennen, kann jede Dahergelaufene. Aber hier, klug und interessant eine Unterhaltung zu führen, das kann bei weitem nicht jede. Eine Sünde, so eine Gelegenheit auszulassen.

SIE: Unter kluger und interessanter Unterhaltung verstehen Sie offenbar den Austausch von Grobheiten.

ER: Ich kann erklären, warum ich so schroff mit Ihnen war. Ich spürte, dass man mich entern will. Das gefiel mir nicht, und ich war gezwungen, mich zu verteidigen. Wenn unsere weitere Unterhaltung ohne erotische Anspielungen verlaufen wird, werde ich mich frei fühlen und mit Vergnügen mit Ihnen über Gott und die Welt plaudern.

SIE: Sagen Sie mir direkt, was Ihnen an mir nicht passt? Bin ich hässlich? Langweilig? Unangenehm?

ER: Überhaupt nicht.

SIE: Und wo ist dann das Problem?

ER: Nun, überlegen Sie selbst, warum sollte ich mich auf ein Abenteuer mit einer unbekannten Frau einlassen? Äußerlich sind Sie anziehend, zweifelsohne. Wahrscheinlich wird es angenehm, mit Ihnen einzuschlafen, aber, vielleicht wache ich morgen auf und finde weder Geld noch Dokumente. Und vielleicht arbeiten Sie als Paar, mit einem Freund, der mir wegen meines Geldbeutels den Kopf einschlägt.

SIE: Was sind Sie für ein gescheiter und vorsichtiger Mensch. An alles denken Sie.

ER: In Ihren Augen ist das ein Nachteil, ich weiß. Aber bedauernswert ist der, der alles vorhersieht

SIE: Und warum fürchte ICH Sie nicht? Sie können mich doch auch ausrauben.

ER: Ich Sie?

SIE: Warum nicht? Ich habe übrigens nicht wenig Geld bei mir. Hier, schauen Sie! (Öffnet die Handtasche.)

ER: (In die Tasche schauend.) Oho! Woher so viel?

SIE: Das habe ich in den letzten vier Tagen verdient. Ihr Freund schlägt mir deshalb den Kopf nicht ein?

ER: Ich sehe, man bezahlt Ihnen nicht wenig.

SIE: Ich beklage mich nicht. Die Arbeit ist aber auch nicht leicht. Und erfordert eine hohe Qualifikation.

ER: Falls das kein Geheimnis ist, wie viel nehmen Sie?

SIE: Machen Sie sich keine Sorgen, wir einigen uns irgendwie.

ER: Ich frage nicht wegen mir, sondern im Allgemeinen.

SIE: Das hängt von der Zeit ab, von den finanziellen Möglichkeiten des Auftraggebers, von meiner Stimmung und noch von vielem mehr.

ER: Und trotzdem, wie viel?

SIE: Und wie viel ist es Ihnen wert?

ER: Gar nichts. Ich brauche das auch umsonst nicht. Ich interessiere mich nur aus Neugier.

SIE: Wissen Sie, was ich Ihnen sage? Wenn, zum Beispiel, in Spanien eine Dame einem Herren ein Treffen anbot - selbst in stockdunkler Nacht und an unbekanntem Ort - dann ging er dorthin, ohne zu zögern, ohne an den Geldbeutel zu denken oder an Gefahren. So handelten richtige Caballeros.

ER: Aber wir sind nicht in Spanien und geben keine Mantel-und-Degen-Vorstellung. Wir sind in unserer trüben, täglichen Wirklichkeit, wo es viel Hinterlist, Betrug, Verbrechen und Grausamkeit gibt. Zudem geht es nicht nur um meine Vorsichtigkeit.

SIE: Um was denn?

ER: Um offen zu sein, den Löffel in den Brei zu stecken ist angenehm auf einem sauberen Teller und nicht in einem öffentlichen Spucknapf. Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht beleidigen.

SIE: Vielleicht wollten Sie das nicht, aber Sie haben beleidigt. Aber nicht mit groben Worten, nein, die habe ich schon von Ihnen gehört, sondern damit, dass Sie mich einfach nicht wollen. Und für eine Frau gibt es keine größere Beleidigung, als zu wissen, dass sie unerwünscht ist.

ER: Bitte, verlassen wir dieses Thema. Wir haben uns doch geeinigt.

SIE: Wir haben uns auf nichts geeinigt.

ER: Sprechen wir von irgendetwas anderem.

SIE: Lassen Sie uns lieber über irgendetwas anderes schweigen. (Pause.)

ER: Da Sie keinen Wodka mögen, bestellen wir vielleicht wirklich Champagner?

SIE: Nicht jetzt.

ER: Und wann dann?

SIE: Morgen früh.

ER: Den morgigen Morgen wird es nicht geben.

SIE: Wird es.

ER: Wird es nicht.

SIE: Und was wird? Nur die Nacht?

ER: Nichts wird. Ich hab´ doch gesagt kein Bett.

SIE: Das habe ich Ihnen auch nicht versprochen. Aber überhaupt, ein verheirateter Mann ist in zwei Fällen nicht zum Bett geneigt: Entweder hat ihn die Ehefrau so verzaubert, dass es ihn nicht zu anderen Frauen zieht, oder sie hat ihn so sehr abgestumpft, dass er daran den Geschmack verloren hat. Mit welcher dieser Möglichkeiten haben wir es in unserem Fall zu tun?

ER: (Brüsk.) Ich habe Sie, scheint es, gebeten, mein privates Leben nicht zu berühren. Kein Wort über meine Frau. Und überhaupt, nicht über mich zu reden.

SIE: Worüber dann?

ER: Über was Sie wollen, nur nicht über mich.

SIE: Aber ich möchte gerade nur über Sie reden.

ER: Wozu brauchen Sie das?

SIE: Das brauchen SIE. SIE sind unglücklich. Sie haben niemanden, um die Seele auszuschütten.

ER: Ich bin völlig in Ordnung.

SIE: Und Sie fürchten mich.

ER: Ich Sie?

SIE: Ja, Sie fürchten sich mir nachzugeben, aber noch mehr fürchten Sie sich, mich zu verlassen, zurückzukehren in Ihr Zimmer und mit sich und Ihrer Schlaflosigkeit alleine zu bleiben. Gerade deshalb sitzen Sie mit mir und bieten mir Champagner an, obwohl Sie mich in Ihrer Seele verachten. Verachten und wollen. So ist es doch?

ER: Quatsch.

SIE: Das ist die Wahrheit.

ER: Nein, Sie irren sich.

SIE: Sie verachten nicht, sondern wollen nur?

ER: Nein.

SIE: Sie wollen nicht, sondern verachten nur?

ER: Sie können erstaunlich leicht reizen und sich an jedes Wort klammern.

SIE: Ich klammere, weil ich Sie angeln will. Ist das denn nicht verständlich?

ER: Und das geben Sie zu?

SIE: Habe ich das etwa verheimlicht? Ich habe Sie doch von Anfang an darin bestätigt. Aber Sie fürchten mich, warum auch immer.

ER: Ich fürchte nichts. Mir wird es einfach unangenehm sein, morgens mit einer unbekannten Frau aufzuwachen.

SIE: Und nicht zu wissen, wie Sie sie loswerden.

ER: Das habe ich nicht gesagt.

SIE: Nur gedacht.

ER: (Brüsk.) Ich will Sie nicht beleidigen, aber ich bin gezwungen zum zehnten Mal zu wiederholen ich bin keiner von denen, die Vergnügen an stundenweise zahlbarer Liebe finden. Vielleicht bin ich altmodisch, aber ich kann mich nicht selbst verändern.

SIE: Das muss auch nicht sein. Sie gefallen mir genau so.

ER: (Nimmt den Geldbeutel, holt einige Scheine heraus und legt sie auf den Tisch.) Hier, nehmen Sie!

SIE: Was ist das?

ER: Die Bezahlung für die von Ihnen verbrachte Zeit. Sie mussten Geld verdienen, ich bin bereit zu bezahlen. Unter der Bedingung, dass Sie mich in Ruhe lassen.

SIE: Wir besprechen dieses Geschäft später.

ER: Nein, jetzt. Wenn es wenig ist, dann bin ich bereit, noch daraufzulegen. (Öffnet wieder den Geldbeutel.)

SIE: Ich bin gewohnt, Geld auf ehrliche Weise zu verdienen, und keine Almosen zu bekommen.

ER: Indem Sie mich unterhielten haben Sie das ehrlicher verdient, als üblich. Ich verheimliche nicht, dass meine Stimmung schlecht war, Sie haben ein bisschen geholfen, mich abzulenken. Aber jetzt basta. Nehmen Sie und gehen Sie!

SIE: (Gekränkt, mit echter Enttäuschung.) Ich sehe ein, ich missfalle Ihnen tatsächlich sehr. (Schweigt.) Oder vielleicht umgekehrt, Sie zieht es stark zu mir? Ich werde wohl, um mich zu trösten, bei der zweiten Variante bleiben.

ER: Gehen Sie mit Gott!

SIE: Warum vertreiben Sie mich?

ER: Weil es mir zu scheinen beginnt, dass ich mich mehr als nötig für Sie interessiere.

SIE: Und Sie wissen immer, wie viel Sie sich erlauben können?

ER: Versteht sich. Wie sagt man, trink, aber betrink dich nicht, liebe, aber verlieb dich nicht.

SIE: Ihnen muss man eine Eins für Verhalten geben.

ER: Vollkommen richtig. Nehmen Sie das Geld!

SIE: Wenn ich es nehme, dann nur am Morgen.

ER: Ich bewundere Ihre Hartnäckigkeit.

SIE: Und ich Ihren unbeugsamen Charakter.

ER: Sie haben sich sehr bemüht, aber verloren.

SIE: Dann haben wir beide verloren.

ER: Kann sein. Und jetzt gehen Sie!

SIE: Überhaupt, ich sitze an meinem Tisch.

ER: Richtig. Verzeihen Sie.

(Er steht entschlossen auf, geht zu seinem Tisch zurück, steckt das Dokument in die Aktentasche und macht sich auf, zu gehen. Sie steht auf und geht zu seinem Tisch.)

SIE: Verzeihen Sie, ist hier frei?

ER: (Gereizt.) Frei. Der ganze Tisch ist frei, denn ich habe mein Abendessen beendet und gehe jetzt.

SIE: Das heißt, ich kann mich solange setzen?

ER: Wie Sie wollen. (Sie setzt sich.) Nun, was wollen Sie noch?

SIE: Ein paar Worte zum Abschied sagen. Setzen Sie sich. Ich halte Sie nicht auf.

ER: (Setzt sich.) Nun?

SIE: Wissen Sie, warum ich vor einer Stunde zu Ihnen kam?

ER: Ich kann´s mir denken.

SIE: Nein, Sie erraten es nicht.

ER: Nun, dann sagen Sie´s.

SIE: Ich saß lange nicht weit entfernt und beobachtete Sie. Und Sie sahen nicht ein einziges Mal zu mir. Aber ich bin nicht beleidigt weshalb sollten Sie zu mir schauen? Und so saß ich und saß und dachte plötzlich Sie gehen jetzt weg, und ich sehe Sie nie, nie mehr wieder. Und ich stellte mir vor, wie Sie alleine in Ihr kahles, ungemütliches Zimmer hinaufgehen und begriff, dass wenn Sie weggehen, ich Ihnen mit nichts mehr helfen kann. Und dann stand ich plötzlich auf und ging zu Ihnen hin, auf nichts spekulierend und nichts planend. Ich ging einfach hin.

ER: (Erstaunt von dem unerwarteten Bekenntnis, schweigt lange, unschlüssig, wie er darauf reagieren soll.) Ich weiß nicht, was ich auf Ihre Worte sagen soll.

SIE: Sie brauchen auch nichts zu sagen. Vergessen Sie sie, und Schluss damit.

ER: Geben Sie zu, dass Sie das alles eben erst ausgedacht haben.

SIE: Kann sein. Aber ich gestehe nicht.

ER: Ich bin sicher, dass es ausgedacht ist, aber es ist trotzdem angenehm.

SIE: Nun denn, in diesem angenehmen Ton beenden wir auch unsere nicht zustande gekommene Bekanntschaft. (Steht auf.)

ER: Sie sind eine seltsame Frau.

SIE: Danke für das Kompliment. Ich bemühe mich, es zu verdienen.

ER: Klug, gebildet, gut erzogen Und dabei Nein, wirklich, sehr seltsam.

SIE: Ist es denn schlecht, seltsam zu sein?

ER: Nun, nicht in diesem Maß.

SIE: Lieber so eine sein, wie alle?

ER: Wahrscheinlich.

SIE: Aber normal zu sein ist so langweilig! Aber wenn Sie Langeweile lieben, langweilen Sie sich weiter.

(Sie geht zu ihrem Tisch zurück. Er folgt ihr nach einigem Schwanken nach.)

ER: (Unentschlossen.) Wissen Sie, was ich mir überlegt habe Vielleicht gehen wir wirklich zu mir ins Zimmer?

SIE: Weshalb? Sie sind doch ein Muster an Moral.

ER: Wir trinken dort Kaffee.

SIE: (Auf ihre Tasse zeigend.) Kaffee serviert man auch hier.

ER: Nun, dann nicht Kaffe, sondern etwas anderes.

SIE: (Leicht amüsiert.) Champagner?

ER: Warum auch nicht?

SIE: Sie haben doch selbst gesagt, dass ich nicht mit ihm rechnen solle.

ER: Trotzdem bekommen Sie ihn. Das Restaurant schließt bald. So oder so, Zeit zu gehen.

SIE: Gehen Sie!

ER: Und Sie?

SIE: Ich bleibe.

ER: Warum?

SIE: Sie brauchen mich doch nicht einmal umsonst. So haben Sie doch gesagt?

ER: Warum umsonst? Ich bin bereit zu zahlen.

SIE: Und Sie, bei allen Ihren Prinzipien, werden mit einer käuflichen Frau Sex haben?

ER: Wir sind letztendlich nicht verpflichtet, Sex zu haben.

SIE: Und wozu bitten Sie mich dann in Ihr Zimmer?

ER: Nun, einfach reden. Sie sind eine interessante Gesprächspartnerin Kennen viele Gedichte

SIE: Sie bringen mich zum Lachen. Seinen Sie ehrlich mit sich selbst.

ER: Nun gut, wir wissen beide, um was es geht. Was weiter?

SIE: Ich gehe nirgendwo hin mit Ihnen.

ER: Aber Sie haben doch selbst vorher vorgeschlagen

SIE: Daran erinnere ich mich nicht. Und selbst wenn ich es vorgeschlagen habe, dann hätten Sie zusagen müssen. Aber jetzt habe ich es mir anders überlegt.

ER: Sie spielen mit mir Katz und Maus.

SIE: Vielleicht. Ich fürchte nur, dass die Katze selbst zur Maus wird.

ER: Ich kann Sie nicht verstehen. Sie haben mir doch erst vor kurzem dieselben Worte gesagt In dem Sinn, dass ich Ihnen irgendwie gefallen würde

SIE: Ja. Und ich nehme sie nicht zurück. Aber VON IHNEN habe ich diese Worte nicht gehört.

ER: Sie wollen doch nicht, dass ich Ihnen meine Liebe erkläre?

SIE: Und warum nicht?

ER: Das wäre einfach lächerlich.

SIE: Dann lachen Sie doch!

ER: Wir kennen uns doch kaum.

SIE: Wir sind überhaupt nicht bekannt.

ER: Diesen Mangel können wir beheben.

SIE: Sie sind doch kein Anhänger von leichten Beziehungen

ER: (Enttäuscht.) Ich sehe, ich überrede Sie nicht.

SIE: Überreden kann man jede Frau.

ER: Möglicherweise. Aber ich weiß nicht, wie.

SIE: Ein Rat gefällig?

ER: Was denn, gibt es einen Weg?

SIE: Also, Sie laden mich ein, Gedichte vorzutragen. Ich kann Ihnen gleich hier etwas vortragen, für den Anfang. Rachmaninow hat eine Romanze zum Text von Hugo. Sie heißt Sie antworteten. Kennen Sie die?

{Victor Hugo, Comment, disaient‑ils

Comment, disaient-ils,

Avec nos nacelles,

Fuir les alguazils?

Ramez, disaient-elles.

 

Comment, disaient-ils,

Oublier querelles,

Misère et périls?

Dormez, disaient-elles.

 

Comment, disaient-ils,

Enchanter les belles

Sans philtres subtils?

Aimez, disaient-elles.}

ER: Nein. Aber ich würde bevorzugen, eine Antwort auf meine Frage zu bekommen.

SIE: (Unterbricht ihn.) Hören Sie zu Ende. Dieses Gedicht von Hugo ist ziemlich interessant. Dort stellen irgendwelche Unbekannte sie eine lange, erregte Frage, und gewisse andere sie {weibliche} geben eine einfache, unerwartete und sehr kurze Antwort.

ER: Irgendwie nicht besonders verständlich.

SIE: Gut, hören Sie ein Beispiel:

Sie fragten: "Wie können wir,

wie in fliegenden Kähnen,

weißen Möwen gleich,

über die Wellen gleiten

Damit uns die Wachen nicht einholen?

(Nach einer kurzen Pause.)

"Rudert!" antworteten sie {weibliche}.

ER: Das ist alles sehr interessant, aber was hat das mit dem Rat zu tun, den Sie mir geben wollten?

SIE: Hier ist der Rat:

Sie fragten: "Wie können wir

Schönheiten anlocken,

Ohne Zauber,

damit sie selbst, auf leidenschaftliche Rede hin,

Uns in die Umarmungen fallen?..

(Verstummt.)

ER: Na und?..

SIE: Liebt antworteten sie.

ER: Die Anspielung hab´ ich verstanden. Aber um Liebe kann es in unserem Fall nicht gehen.

SIE: Das heißt, Sie schlagen mir vor, Sex zu haben, aber ohne Liebe?

ER: Man kann auch so sagen. Ich bevorzuge, dass unsere Beziehungen auf prosaischer Grundlage stehen, ohne unnötige Romantik.

SIE: (Sehr kühl.) Dann wenden Sie sich an den Portier, der wird Ihnen höchstwahrscheinlich für ein bescheidenes Entgelt ein Mädchen für eine Nacht anbieten. Auf Wiedersehen. (Und da er sich nicht von der Stelle bewegt, wiederholt sie.) Ich sagte Auf Wiedersehen.

ER: Ich fliege morgen ab.

SIE: Dann leben Sie wohl.

(Er geht langsam zu seinem Tisch zurück, nimmt die Aktentasche, wendet sich zum Ausgang, bleibt aber neben ihrem Tisch stehen.)

ER: Bleiben Sie? (Sie antwortet nicht.) Werden Sie nach einem anderen Kunden jagen?

SIE: Möchten sie mir irgendjemand anderen empfehlen?

ER: Unter meinen Bekannten gibt es keine Liebhaber solcher Abenteuer.

SIE: Offensichtlich kennen Sie Ihre Bekannten schlecht. Leben Sie wohl.

ER: Leben Sie wohl.

 

 

(Er geht ab. Sie bleibt alleine zurück. Es ist zu sehen, dass sie verwirrt und enttäuscht ist. Im Restaurant wird das Licht gedämpft als Zeichen, dass es geschlossen wird. Sie schaut auf die vor ihr liegende Rechnung, legt Geld auf den Tisch und macht sich auf, zu gehen. In diesem Moment erscheint wieder der Mann.)

ER: Sie sind noch hier? Und ich habe befürchtet, dass Sie gegangen sind.

SIE: Was wollen Sie?

ER: Ich hab´ mir vorgestellt, wie ich in meinem Zimmer sitze, einsam mit mir alleine, und mir wurde so übel. In solchen Minuten bekomme ich manchmal Anfälle von Depression, dass ich Kurz gesagt Sie fragten mich, weshalb ich Sie in mein Zimmer bitte. Also antworte ich: Um dort nicht einsam zu sein. Verstehen Sie mich?

SIE: (Ernst.) Ich verstehe Sie sehr gut.

ER: Sie provozieren mich die ganze Zeit, manchmal machen Sie sich sogar lustig, aber mir ist es mit Ihnen interessant. Jedenfalls besser, als einsam. Und nun bitte ich: Kommen Sie zu mir. Ich werde nichts von Ihnen fordern und auf jeden Fall bezahlen.

SIE: Nun gut. (Lächelt.) Ich bin ein unerfahrenes Mädchen, ich kann nicht widerstehen.

ER: (Seinem Glück nicht trauend.) Sie sind tatsächlich einverstanden?

SIE: Ich habe nicht ja gesagt. Aber mir scheint, dass Sie nicht besonders froh darüber sind. Sie sehen irgendwie verloren aus.

ER: Eher glücklich.

SIE: Es scheint, das Glück ist so unerwartet auf Sie gefallen, dass Sie es nicht geschafft haben, zur Seite zu springen.

ER: Also, gehen wir?

SIE: Gehen wir! (Erhebt sich.) Warten Sie einen Moment, ich muss mit dem Kellner abrechnen.

ER: Ich bezahle für Sie.

SIE: Sie brauchen ihn nicht zu rufen, ich gehe selbst hin. (Geht zum Ausgang.)

 

 

ER: Aber Sie kommen zurück?

SIE: Und Sie werden warten?

ER: Zweifeln Sie an mir?

SIE: Und Sie an mir?

ER: Ich zweifle.

SIE: Daran tun Sie gut.

(Sie geht hinaus und bleibt, wie es ihm scheint, ziemlich lange. Er erwartet sie mit einiger Unruhe und verfolgt sie mit Blicken. Sie kommt zurück.)

ER: Worüber haben Sie dort mit dem Kellner geflüstert?

SIE: (Mit leichtem Lächeln.) Wir haben einander Gedichte vorgetragen. Sind Sie eifersüchtig geworden?

ER: Kann sein.

SIE: Nun denn, ich bin bereit.

ER: (Macht einige Schritte, bleibt dann plötzlich stehen.) Mir ist plötzlich ein bisschen Angst geworden.

SIE: Mir auch.

ER: Wen fürchten Sie? Mich?

SIE: Nein. Mich.

ER: Und ich mich. Aber wir gehen?

SIE: Wir gehen.


Zweiter Akt

 

(Hotelzimmer. Er und sie treten ein. Beide fühlen sich ein wenig befangen.)

ER: Nun, wie gefällt es Ihnen hier?

 

 

SIE: Wie soll ich sagen Im Hotel, sogar in einem guten, gibt es immer etwas standardmäßiges-steriles. Tischchen, Bad, Bett In ihm fühlst du dich niemals wie zuhause.

ER: Wie ich verstehe, müssen Sie oft in Hotels verweilen. Besonderheit des Berufs.

SIE: Möglich. Was dann?

ER: Nichts.

SIE: Warum dann unnötige Fragen stellen?

(Pause. Er will sie umarmen, sie wendet sich ab.)

ER: Was hast du denn?

SIE: Nichts.

ER: Ich verstehe nicht, haben wir uns denn nicht über alles verabredet?

SIE: Wir haben uns überhaupt über nichts verabredet. Sie haben gebeten, ich bin gekommen.

ER: Ich hoffe, du wirst mich nicht davon überzeugen, dass ich der Zweite bin.

SIE: Ich denke nicht daran.

ER: Ach was? Hast du denn viele gehabt?

SIE: Genügend.

ER: Das heißt, du hast Erfahrung?

SIE: Und nicht wenig.

ER: Erzählst du´s mir?

SIE: Sind wir wieder beim Du?

ER: Im Bett redet man sich nicht mit Sie an.

SIE: Wir sind noch nicht im Bett.

ER: Aber wir werden doch? (Will sie umarmen.)

SIE: (Wendet sich ab. Sehr kühl.) Sie haben entschieden, wenn ich einverstanden bin hierherzukommen, dann braucht man sich mit mir auch nicht zu zieren?

ER: Tun Sie nicht so, angesichts der Nacht, als wären Sie zu einem Mann ins Zimmer gekommen, um mit ihm Tee zu trinken.

SIE: Natürlich nicht, um Tee zu trinken. Wir werden Champagner trinken.

ER: Hören Sie auf, sich lustig zu machen! Woher nehme ich ihn jetzt? (Versucht sie wieder zu umarmen.)

SIE: (Nicht auf seine Umarmung reagierend. Kalt.) Stellen Sie keine Leidenschaft zur Schau.

ER: Ich stelle sie auch nicht zur Schau. Zu einer neuen Frau zieht den Mann nicht Leidenschaft, sondern Neugier.

SIE: (Trocken.) Befriedigen Sie Ihre Neugier ohne Hilfe der Hände. Stellen Sie mir zum Beispiel Fragen, und ich werde antworten.

ER: Das heißt, Sie kamen nur, um zu reden? Hierher, ins Zimmer?

SIE: Selbstverständlich. Sollten wir lieber auf der Straße reden, in Kälte, Wind und Regen? (Und da er sie immer noch umarmt hält fährt sie fort.) Wenn Sie mich nicht augenblicklich loslassen, gehe ich sofort weg. (Er lässt sie los. Pause.)

ER: Wenn diese Launen weitergehen, wozu sind wir dann überhaupt hierhergekommen?

SIE: Vielleicht, um mich einsam zu fühlen. Genau wie Sie?

ER: Was kannst du, flatternder Nachtschwärmer von Einsamkeit wissen? Von wirklicher Einsamkeit, wenn du niemandem ein Wort sagen kannst, niemandem die Seele öffnen, wenn dich niemand versteht, und du niemanden zum Reden hast? Wenn du dich einsam fühlst, sogar wenn dich Menschen umgeben, sogar wenn neben dir ein sogenannter Nahestehender, aber trotzdem fremder Mensch schläft? (Sie antwortet nicht. Lange Pause.) Was nun, werden wir einander so ansehen?

SIE: Beruhigen Sie sich und nehmen Sie Platz.

ER: Ich verstehe dich nicht.

SIE: Dafür verstehe ich Sie sehr gut. Sie sind einfach nicht selbstsicher und wissen nicht, wie Sie sich benehmen sollen. Deshalb wirft es Sie die ganze Zeit von Schüchternheit zu Ungezwungenheit, die Sie als Mut empfinden.

ER: Das ist wahr, verzeihen Sie.

SIE: Und wenn Sie sich nicht so benehmen, wie es sich gehört, werde ich sofort gehen.

ER: Was für ein neues Spiel haben Sie jetzt angefangen?

SIE: Die Fortsetzung des alten. Nur, wie beim Fußball, nach der Halbzeit wechseln wir die Seiten. Im Restaurant habe ich Sie errungen, und nun erringen Sie mich. Zeigen Sie, wie Sie das zustande bringen.

ER: Um die Wahrheit zu sagen, ich kann das überhaupt nicht.

SIE: Das habe ich schon bemerkt. (Pause.)

ER: Für mich ist es irgendwie schwierig, das Gespräch mit Ihnen wiederzubeleben. Sie haben doch auch nicht gesagt, wie Sie heißen.

SIE: Nennen Sie mich, wenn Sie wollen, Vera{Glaube}. Oder Nadjèschda{Hoffnung}. Oder Ljubòv{Liebe}. {Typische russische Frauennamen!}

ER: Und tatsächlich?

SIE: (Ohne auf die Frage zu antworten, geht sie zum Fenster.) Was für ein Unwetter auf der Straße

ER: (Tritt zu ihr, ebenfalls aus dem Fenster schauend.) Ja, kalt und ungemütlich Irgendwie klappt unser Treffen nicht.

SIE: Machen Sie sich nichts daraus, wir haben noch eine ganze Nacht vor uns. Alles kann sich ändern.

ER: Versprechen Sie?

SIE: Ich hoffe. Alles hängt von Ihnen ab.

ER: Und warum fragen Sie nicht nach meinem Namen?

SIE: Weil ich ihn kenne.

ER: (Betroffen.) Woher?

SIE: Unwichtig. Ich kann mich nur nicht entscheiden, wie ich Sie anreden soll. Sie Serjòscha {Kurzform von Sergèj} zu nennen ist es noch zu früh und Herr Odìnzow klingt zu formell.

ER: Wählen wir die goldene Mitte. Sie können mich Sergéj nennen.

SIE: Ich hoffe, das Recht auf eine intimere Anrede zu verdienen.

ER: Wie haben Sie denn, trotzdem allem, meinen Namen erfahren? (Nach einigem Nachdenken.) Vielleicht unten beim Administrator?

SIE: Unwichtig. Erfahren ist erfahren.

(Es klopft leise an der Türe.)

ER: (Erstaunt.) Es klopft, oder nicht?

SIE: Ja, tatsächlich.

ER: (Beunruhigt.) Wer kann das sein?

SIE: Öffnen Sie und Sie werden es erfahren.

ER: Das werde ich nicht.

SIE: Fürchten Sie, dass man mich im Zimmer sieht? Keine Angst, hier gibt es keine Polizei.

(Unschlüssig geht er hinaus. Man hört gedämpfte Geräusche, Stimmen, dann das Schließen der Türe. Er kommt ins Zimmer, einen Servierwagen vor sich herschiebend, mit Champagner in einem Kühler, Gläsern und Häppchen. Er sieht ziemlich verdutzt aus.)

ER: Hier Champagner Vom Restaurant geschickt. Und Geld hat der Kellner abgelehnt. Er sagt, es sei bezahlt. Seltsam. Ich hab´ nichts bestellt.

SIE: Nichts Seltsames. Ein Geschenk von Oben.

ER: (Begreifend.) Ach, deswegen haben Sie den Kellner gesucht, als wir gingen!.. Sie lassen mich rot werden. Das hätte ich machen sollen, aber ich hab´s nicht begriffen. Ich bin ein echter Esel.

SIE: Versuchen Sie sich in Zukunft zu bessern. (Nimmt ihre Tasche und geht zum Ausgang.)

ER: Warten Sie, wohin gehen Sie jetzt wieder?

SIE: Beunruhigen Sie sich nicht, ich komme zurück.

ER: Sie kommen sicher zurück?

SIE: Denken Sie wirklich, dass ich ohne Champagner bleiben will? (Geht ab.)

(Er schaut fragend in den Korridor, kommt zurück, legt das Jackett ab, zieht es wieder an, geht wieder zur Türe. In dem Moment kommt sie zurück. Sie ist im Abendkleid, in den Händen eine Packung Pralinen und einen Strauß Blumen.)

 

 

ER: (Erfreut und erstaunt.) Wo und wie haben Sie es geschafft, sich so schnell zu verwandeln?

SIE: Ich habe beschlossen, Ihre Neugier wieder zu wecken. (Sieht sich im Zimmer um.) Nun was denn? Warum ist nichts vorbereitet?

ER: Aber was soll ich vorbereiten?

SIE: Wie unpraktisch Sie bloß sind. Lassen Sie uns das Tischchen hierher schieben. (Sie stellen ein Tischchen in die Mitte des Zimmers.) Jetzt gießen Sie Wasser in die Vase.

(Sie nimmt aus der Schachtel ein Tischtuch, deckt den Tisch damit, nimmt Kerzenhalter und Kerzen aus derselben Schachtel. Er bringt die Vase, hilft ihr, alles vom Servierwagen auf den Tisch zu stellen. Sie platziert die Blumen und zündet die Kerzen an. Der Tisch sieht jetzt sehr festlich aus.)

ER: Woher haben Sie das alles genommen? Sie waren doch kaum zwei Minuten weg.

SIE: Geheimnis.

ER: Sie sind ein vollkommenes Rätsel. Und woher die Blumen?

SIE: Aus dem Wald. Was blieb mir übrig, wenn Sie sich selbst nicht darum kümmerten?

ER: Sie sind eine seltene Frau.

SIE: Offenbar hatten Sie früher mit Frauen einfach kein Glück. Löschen Sie das Licht.

ER: Es ist gemütlich und schön geworden. Das hätte ich so nicht gekonnt.

SIE: Sie sehen doch unser Treffen als Geschäft, aber ich will, dass es ein Rendezvous wird. Nun? Sie sind doch der Hausherr. Vielleicht laden Sie mich ein, Platz zu nehmen und öffnen die Flasche?

ER: Alles haben Sie organisiert, und ich fühle mich als Gast.

SIE: Dann setze ich mich ohne Einladung. (Nimmt Platz. Er öffnet den Champagner und gießt die Gläser voll.)

ER: Sie haben mir ein bemerkenswertes Fest bereitet.

SIE: Also, trinken wir darauf. Unser heutiges erstes, gemeinsames Fest, und dieses Fest heißt Trennung (Sie trinken.)

ER: Ich muss zugeben, dass Sie, wenn Sie wollen, sehr charmant sein können.

SIE: Das will ich immer, aber es gelingt nicht immer.

ER: Es gelingt, glauben Sie mir. (Will sie wieder umarmen.)

SIE: (Sich ruhig von der Umarmung abwendend.) Wenn Sie nicht wissen, wohin mit den Händen, dann gießen Sie noch Champagner ein. Mein Glas ist leer, sehen Sie nicht?

ER: (Kehrt an seinen Platz zurück und gießt ein.) Auf was trinken wir jetzt?

SIE: (Zuckt mit den Schultern.) Auf die Liebe. Auf den Erfolg der Sache. Auf das Treffen. (Mit einem leichten Lächeln.) Oder Sie können stehend auf die wunderschönen Damen trinken. Sie sind doch so ein wahnsinnig erfahrener Liebhaber und Kenner des weiblichen Geschlechts.

ER: Nun Dann schlage ich vor auf Brüderschaft zu trinken.

SIE: Das lohnt sich nicht. Die Anrede auf Du zwischen kaum bekannten Leuten gefällt mir nicht. Zum Beispiel, hält der Höhere im Rang es für sein Recht, sich so an die Niedrigeren zu wenden. Oft ist das kein Zeichen von Nähe, sondern die Erscheinung von Vertraulichkeit und Frechheit. (Schaut ihn an.) Beispiele finden sich nicht weit entfernt.

ER: Ich erkenne Ihre Anspielung an. Aber jetzt wird dieses Du ein anderes, nicht wie das davor. Nicht verächtlich, sondern freundschaftlich. Und es wird gegenseitig. Sind Sie einverstanden?

SIE: Warten wir ein bisschen. Dazu ist die Zeit noch nicht reif. Übrigens, wegen des verächtlichen Du. Wie ich verstehe, gefiel es Ihnen nicht, dass ich mich an Ihren Tisch setzte und, sagen wir es so, begann, Sie anzumachen.

ER: Nun, ehrlich gesagt, das sah nicht besonders schön aus.

SIE: Wie sagten Sie vorher, unmoralisch. Ihrer Meinung nach können sich nur Frauen der bekannten Sorte so verhalten.

ER: Eigentlich ja.

SIE: Und wenn nicht ich, sondern Sie sich zu mir gesetzt, mir Komplimente gemacht und mich eingeladen hätten, mit Ihnen die Nacht zu verbringen, das wäre moralisch?

ER: Nun Ja, das wäre moralisch.

SIE: Warum?

ER: (Zuckt mit den Schultern.) Jemand muss doch die Initiative ergreifen, andernfalls stirbt das Menschengeschlecht aus.

SIE: Die Initiative ergreifen? Ausgezeichnet. Aber warum nicht ich? Als ich im Restaurant mit Ihnen sprach, hielten Sie das für Schamlosigkeit. Und wenn ich mir auch noch erlaubt hätte, Sie zu umarmen, so, wie Sie eben? Was hätten Sie dann über mich gedacht?

ER: Jedes Spiel hat seine Regeln.

SIE: Das heißt, in diesem Spiel dürfen die Frauen nur Beute sein, aber nicht Jäger. Solche Regeln erkenne ich nicht an.

ER: Frauen jagen auch. Sie haben einfach ihre Methoden.

SIE: Lassen wir diese Scherze. Ich sehe, dass alle diese Gespräche über die Gleichheit der Geschlechter, längst veraltete Vorurteile, eingetretene sexuelle Freiheit und so weiter nicht einen Pfennig wert sind. Aber die Sache mit der Moral bleibt dieselbe: Der Mann darf alles und die Frau ganz wenig. Sie soll sitzen, die Augen bescheiden gesenkt, und warten, bis man sich für sie interessiert. Und wenn ich diese Moral nicht annehme, hält man mich für Gott weiß wen. So ist es doch?

ER: So und nicht so.

SIE: Warum dann, sobald die Rede über Moral geht, erwartet man sofort von den Frauen Bescheidenheit, Reinheit, Scham und ähnliches? Warum fordert man denn das nicht auch von den Männern? Warum, gehoben ausgedrückt, gibt es gefallene Frauen, aber keine gefallenen Männer?

ER: Nach Ihnen sind die Verhaltensnormen für Frauen von bösen Männern ausgedacht. Aber sie gründen sich in der Natur selbst. Genau darum, übrigens, ging es heute auf der Konferenz.

SIE: In Ihrer biologischen Psychologie? So nennt sich doch Ihr Beruf? Ist das nicht langweilig?

ER: Ach, was denn! (Auflebend.) Das ist fruchtbar interessant. Und wissen Sie, was der Kern ist? Die Sache ist die, dass unsere Psychologie, unsere Vorstellungen über das Verbotene und Erlaubte, über Gut und Böse (Unterbricht sich selbst.) Entschuldigen Sie, für Sie ist das wirklich langweilig.

SIE: Warum denn? Fahren Sie fort.

ER: Nein, das ist nur für mich interessant. Für Sie wird das viel zu spezifisch und unverständlich.

SIE: Was ist denn da unverständlich? (Im Ton eines Lektors, völlig ernst, aber mit einem lustigen Blitzen in den Augen.) Mir scheint, Sie wollten sagen, dass unsere Psychologie, unsere Vorstellungen über das Verbotene und Erlaubte, über Gut und Böse von frühester Kindheit unter dem Einfluss der Eltern, der Schule, der Lehrer, der Gleichaltrigen, Bücher, Filme, nationalen Bräuche und Traditionen geformt wird, kurz gesagt, unserer gesellschaftlichen Umgebung. Als Ergebnis formiert sich eine Psychologie, von der Gesellschaft eingeflößt, oder, anders gesagt, eine soziale Psychologie.

(Er hört ihr mit steigender Verwunderung zu. Sie fährt fort.)

Aber der Mensch ist nicht nur ein intelligentes Wesen, sondern auch ein Tier, das eine biologische Natur hat. In ihr sind von Geburt an natürliche Instinkte, Wünsche und Ängste gelegt. Die Unterdrückung der natürlichen Psychologie des Menschen durch Erziehung und das Leben in der Gesellschaft führt zu allen möglichen Komplexen und sogar seelischen Schäden. Diese Fragen sind ausführlich in den Hauptwerken von Fox, Kislèwskij und Sarèmbo untersucht.

ER: (Explodiert.) Hören Sie, was zum Teufel soll das alles bedeuten?

SIE: (Unschuldig.) Was genau?

ER: Das ist doch mein Vortrag! Fast wortwörtlich!

SIE: Wirklich? Wer hätte das denken können?

ER: Hören Sie auf, die Dumme zu spielen! Wer zum Teufel sind Sie?

SIE: Das wissen Sie doch, ein leichtes Mädchen.

ER: Lassen sie das! Sie waren auch dort? Warum hab´ ich Sie nicht gesehen? Sind Sie Psychologe?

SIE: Jede Frau ist Psychologein.

ER: Sie verstehen ausgezeichnet, dass ich Ihren Beruf meine. Wenn nicht Psychologe, dann Biologe?

SIE: Nein.

ER: Und überhaupt, ich verstehe gar nichts. Wer sind Sie, was sind Sie? Woher haben Sie die Sprachkenntnisse? Und warum kennen Sie meine Arbeiten? Ich bin sicher, dass Sie hinter mir her spionieren, aber weshalb?

SIE: Ich versichere Ihnen, ich spioniere nicht. Ich interessiere mich einfach für Sie.

ER: Nein, hier stimmt etwas nicht. Hier gibt es irgendein Rätsel

SIE: Ich sagte schon, dass alle Rätsel schwierig erscheinen, solange du nicht die Lösung erfährst. Danach scheinen sie unheimlich einfach und verursachen Enttäuschung.

ER: Eines ist mir schon lange klar - Sie sind kein Straßenmädchen. Dazu sind Sie viel zu gebildet und klug.

SIE: Auch gebildete Frauen sind gezwungen, sich den Lebensunterhalt zu verdienen.

ER: Mir scheint, ich kenne Ihre Stimme. Sind wir uns früher nicht begegnet?

SIE: Nein. Ich möchte glauben, dass Sie sich an mich erinnern würden, falls wir uns schon getroffen hätten.

ER: Das ist richtig.

SIE: Hören Sie auf, sich den Kopf wegen meiner nicht existierenden Rätselhaftigkeit zu zerbrechen. Setzen wir lieber unser Wortgefecht fort.

ER: Aber zuerst trinken wir. Auf das Treffen.

 

 

SIE: Auf das Treffen haben wir schon getrunken.

ER: Nein, wir tranken auf die Trennung. Ihr Trinkspruch war unpassend, lassen Sie ihn uns ausbessern.

SIE: Einverstanden. (Sie stoßen an und trinken aus.) Geben Sie mir Ihren Teller, ich werde Sie bedienen. (Legt ihm Häppchen vor.)

ER: Danke.

SIE: Also, was ist mit unserem Wortstreit? Das ist mir wichtig.

ER: Haben wir denn gestritten? Worüber?

SIE: Sie wollten mir erklären, warum Sie die Frau auswählen können, die Ihnen gefällt, aber ich keinen Mann auswählen kann.

ER: Das ist nicht ganz so. Der Mann wählt aus, aber die Frau hat das Recht, seine Wahl anzunehmen oder abzulehnen. Deshalb wählt sie letztendlich auch aus.

SIE: Aber diese Wahl ist nicht gleichzusetzen. Nehmen wir an, zu einem Ball kamen einhundert Damen und einhundert Kavaliere, und von diesen einhundert Männern haben fünf beschlossen, mich zum Tanz aufzufordern. Richtig, ich bekam die Möglichkeit aus fünfen auszuwählen. Aber sie haben doch aus hundert ausgewählt!

ER: Offenbar wusste die Natur, was sie tut: So oder anders finden alle zu einem Paar zusammen.

SIE: Nicht alle.

ER: (Verstummt.) Ja, nicht alle.

SIE: Und nicht immer ist das ein erfolgreiches Paar.

ER: Auch richtig.

SIE: Das heißt, Sie finden, dass die Frau immer Geige und nicht Bogen sein sollte?

ER: Es geht nicht darum, was ich finde oder nicht. Die Welt ist einfach so gebaut.

SIE: Aber warum? Hat denn die Frau kein Recht, ihr Glück zu suchen und es zu erringen? Sind denn Mann und Frau nicht gleich?

ER: Gleichberechtigung bedeutet nicht Gleichheit. Kater und Katze sind juristisch auch gleich, aber biologisch verschieden und verhalten sich unterschiedlich. So ist es auch mit den Menschen. Die Frau kann körperlich nicht den Mann nehmen, ihn beherrschen. Er nimmt immer sie, und sie gibt sich hin. Und daher verschiedene Verhaltensnormen: Er wählt aus, sie wartet, wann man sie auswählt.

SIE: Wie professionell Sie denken. Das bedeutet, die Frau darf selbst nicht suchen.

ER: Nicht sie sollte suchen, sondern sie sollte man finden. Hier ist das Grundmotiv des Verhaltens der Frauen - anziehend zu sein.

SIE: Aber vielleicht ist das nicht ein Gesetzt der Biologie, sondern eine Frage von Erziehung und Tradition?

ER: Traditionen sind bei allen Völkern verschieden. Aber überall sehen wir eines: Mann sucht Frau, wählt sie aus, erringt sie, kauft sie, nimmt sie. Aber nicht umgekehrt. Und überhaupt, wie bekannt, verfolgt der Mann die Frau so lange, bis sie ihn fängt.

SIE: Das ist ein alter Witz.

ER: Außerdem, alleine gegen die allgemein angenommene Moral zu kämpfen ist immer hoffnungs- und sinnlos. Und wenn man wider seine biologische Natur geht, dann führt das unausweichlich zu Neurosen und Stress, was auch bei der Mehrheit von uns zu beobachten ist.

SIE: Darunter auch bei Ihnen?

ER: Warum sollte ich eine Ausnahme sein? Lassen Sie uns lieber dieses Gespräch beenden.

SIE: Bitte. Ich würde Sie sogar zum Tanzen auffordern, aber ich bin sicher, dass Sie nicht können.

ER: Warum denn, ich kann. Etwas schlechter, als ein Bär, aber zweifellos besser, als ein Elefant.

SIE: Dann versuchen wir es vielleicht? (Zieht ihn an der Hand zu sich und macht ein paar Schritte mit ihm.)

ER: Nein, es lohnt sich nicht. Sie bleiben ohne Füße.

SIE: Das heißt, dass auch Sie Probleme haben, obwohl Sie ein großer Theoretiker in Fragen Geschlecht sind. Und wie sieht es damit in der Praxis aus?

ER: In der Praxis ist meine ganze Zeit von Arbeit belegt. Der Rest interessiert mich wenig.

SIE: Und Kinder? Und die geliebte Ehefrau? (Fügt nicht ohne Bosheit hinzu.) Die Ihnen in allen Beziehungen gefällt?

ER: Kinder habe ich keine.

SIE: Vielleicht auch keine Frau?

ER: Und in Wahrheit habe ich jetzt keine.

SIE: Jetzt, das ist jetzt oder solange Sie im Hotel sind.

ER: Überhaupt nicht, schon zwei Jahre.

SIE: Aber natürlich gibt es eine Lieblingsfreundin.

ER: Auch keine Freundin.

SIE: (Aufrichtig verwundert.) Wie das denn? Ein Psychologe würde das als schweren Fall bezeichnen.

ER: Nicht alles ist so schlecht, wie Sie denken. Es ist alles viel schlechter.

SIE: Was ist denn mit Ihnen passiert?

ER: Nichts besonderes. Eine sehr triviale Geschichte.

SIE: Dann erzählen Sie sie!

ER: Lassen Sie uns lieber trinken. (Er gießt ein, sie stoßen an, trinken.)

SIE: Und nun erzählen Sie!

ER: Eigentlich gibt es nichts zu erzählen. Ich habe damals geheiratet. Ich war jung und dumm. Übrigens nicht so jung, wie dumm.

SIE: Und was dann?

ER: Eines schönen Morgens wachte ich auf und begriff ich habe mit ihr absolut nichts zu reden. Wir haben nur im Bett gemeinsame Interessen, und die verwelken schnell von Tag zu Tag. Und anstatt diesen Fehler sofort zu beheben, begannen wir uns gegenseitig zu quälen.

SIE: Tatsächlich eine triviale Geschichte. Aber warum kam es dazu?

ER: Ein Mann wird immer unendlich müde von der Ehe. Von der Notwendigkeit, jeden Tag zusammen sein zu müssen. Von der Unmöglichkeit, in sich zu gehen. Von der Erkenntnis, dass er gebunden ist. Frauen lieben es, uns an der kurzen Leine zu halten, nicht begreifend, dass, je kürzer sie ist, wir umso mehr ausbrechen wollen.

SIE: Aber Sie sind trotzdem ausgebrochen?

ER: Ja. Wir haben uns getrennt.

SIE: Das ist alles?

ER: Nein. Dann wurde ich zwar älter, aber noch dümmer, und heiratete ein zweites Mal.

SIE: Ich hoffe, Sie haben diesmal die ausgewählt, die Ihnen passte?

ER: Nun, ich habe irgendwie nach der ersten Ehe die Frauen umgangen, aber sie hat mich auf eine gewisse Weise ausgesucht. Hier, bitte, ein Beispiel für Sie, wer wen auswählt.

SIE: Warum haben Sie sie denn geheiratet?

ER: Und warum heiraten wir überhaupt? Nach Ihnen wegen der Seelenverwandtschaft? Wegen des Wunschs das ganze Leben nicht auseinanderzugehen und an einem Tag zu sterben? Nein. Aus Dummheit. Aus Zufall. Wegen einer schlanken Taille und einer schönen Bluse.

SIE: Und womit hat das geendet?

ER: Nach einem Jahr hat mich meine Frau mit irgendeinem Nichtsnutz betrogen, und ich hab´ sie fortgejagt. Übrigens, um genau zu sein, fortzugehen fiel mir zu, denn ein Großteil des Vermögens blieb ihr.

SIE: Haben Sie sie sehr geliebt?

ER: Nein, nicht sehr. Eher sehr nicht. Aber das war für mich ein schwerer Schlag.

SIE: Warum, wenn Sie sich doch nicht sehr liebten?

ER: Nun, wissen Sie Heimzukommen und die Frau mit einem Anderen im Bett zu überraschen

SIE: Ich verstehe Sie weitaus besser, als Sie denken. Und Sie machen sich immer noch Gedanken?

ER: Jetzt nicht mehr. Aber von Frauen bemühe ich mich fernzuhalten. Ich hab´ mir zweimal die Finger verbrannt. Mir reicht´s. Wie heißt es in dem Liebeslied, Ich glaub´ nicht mehr an Liebe.

SIE: Aber mit Frauen trifft man sich doch auch ohne Liebe, und so Für´s Angenehme.

ER: Ich fürchte mich. Du passt einen Moment nicht auf, und schon bist du in der Falle. Und sich von ihnen zu trennen ist äußerst schwierig. Frauen wissen, dass wir sie körperlich brauchen, und das nutzen sie rücksichtslos aus. Und überhaupt, was ist an ihnen gut?

SIE: An Frauen? Sehr viel. Und was ist schlecht?

ER: Sie dringen in dein Leben ein, fordern Geld, lieben es, die Verhältnisse zu klären, bringen dich von deinen Freunden ab (Wird langsamer.) Aber was das Schlimmste ist, sie stören zu arbeiten.

SIE: Man sagt, mit Frauen ist es immer lustiger, als ohne.

ER: Mit solchen, wie Sie vielleicht. Aber mit anderen (Schweigt.) Ehrlich, auch ihnen ist es mit mir langweilig. Ich bin ein rückständiger Mensch: Ich mag Pilze sammeln, klassische Musik hören

SIE: Sie sind von zwei Ehefrauen enttäuscht und übertragen Ihre Enttäuschung auf alle Frauen.

ER: Ich weiß nicht, wie da die Frauen sind, aber Ehefrauen sind alle gleich. Eine mit der anderen zu vertauschen hat überhaupt keinen Sinn. Ich finde Freude nur in der Arbeit.

SIE: Bei Ihnen klappt nicht alles im Leben, und deshalb ist Arbeit für Sie ein Mittel, sich zu berauschen. Und, wahrscheinlich, sollten gerade Sie anhalten, und überlegen, was Sie wollen.

ER: Wir alle wollen eines - Glück.

SIE: Aber wir begreifen nur verschwommen, in was es für uns besteht. Und wenn wir das falsche Ziel ausgewählt haben, dann entfernen wir uns umso weiter davon, je mehr wir danach streben. Das ist das Übel.

ER: Ja, so ist es

(Pause. Beide denken nach. Sie geht wieder zum Fenster und schaut in die Dunkelheit, streicht nachdenklich mit dem Finger über die Scheibe.)

Was haben Sie dort im Fenster gesehen?

SIE: Dasselbe: Dunkelheit, trübe Laternen, Regen Und einen verrückten Tanz der Zweige zur Musik des Winds. Wind, Wind, überall auf der Welt Sie fliegen also morgen?

ER: Ja.

SIE: Wann?

ER: Früh am Morgen.

SIE: Das heißt, schon heute. Heute

ER: Ich sehe, Sie sind ganz missmutig geworden

SIE: Ja Wir sitzen, reden, und der Morgen kommt immer näher, ein kalter, grauer, herbstlicher Morgen

(Er tritt zu ihr von hinten und fasst sie vorsichtig an den Schultern. Sie sieht aus dem Fenster.)

ER: Was schreiben Sie da auf die Scheibe?

SIE: Ach, nichts. Unsere Namen. Sergej + X {Unbekannte} = Liebe.

ER: Und ich weiß immer noch nicht den Namen dieser Unbekannten.

SIE: Wer ist sie und was ist sie,

Dem Himmel nur bekannt,

Aber die Seele ist hingerissen

Von der wunderbaren Unbekannten

(Schaut ihn an.) Oder noch nicht hingerissen?

ER: Diese Romanze von Glinka {Russischer Komponist} ist sehr gut, aber Sie haben wieder nicht geantwortet.

SIE: Lohnt es sich denn, Ihr Gedächtnis mit noch einem weiblichen Namen zu belasten? Übrigens, wenn Sie wollen, nennen Sie mich Henriette.

ER: Warum Henriette?

SIE: Warum nicht?

ER: Heißen Sie wirklich so?

SIE: Erinnern Sie sich an die Geschichte, die mit dem berühmten Herzensbrecher Casanova passierte? Einst eroberte er die schöne Henriette, verbrachte mit ihr im Hotel - sehen Sie, auch im Hotel eine reizende Nacht, schenkte ihr einen Brillantring und schwörte ihr ewige Liebe. Am Morgen kratzte das Mädchen mit diesem Brillanten einige Worte in die Fensterscheibe, warf den Ring in den Garten und verschwand. (Malt weiter mit dem Finger auf der Scheibe.)

ER: Und was weiter?..

SIE: Viele Jahre danach stieg der gealterte Weiberheld zufällig wieder in demselben Hotel und in demselben Zimmer ab. Zum Fenster gehend entdeckte er plötzlich die mit dem Diamanten eingeritzten Worte: Vous oublierez aussi Henriette. Sie werden auch Henriette vergessen. Und Casanova begriff, dass er sie wirklich vergesse hatte, dass das Leben vergeht und er immer noch genauso herum eilt, und seine nächste ewige Liebe nicht länger als ein paar Tage dauert So auch Sie vergessen mich, vergessen schneller, als diese Worte verschwinden, obwohl ich sie nur mit dem Finger auf der beschlagenen Glasscheibe geschrieben habe.

ER: (Zieht sie plötzlich zu sich her und küsst sie.) Du bist ein Wunder Solche, wie dich habe ich noch nicht getroffen Du bist so klug Selbst wenn wir in ein paar Stunden auseinander gehen uns trennen müssen Aber an dich werde ich mich erinnern, lange, sehr lange!

SIE: (Glücklich.) Endlich, darauf hab´ ich gewartet

ER: Ich wollte die ganze Zeit Aber du hast dich nicht hingegeben.

SIE: Weil du so nicht wolltest.

ER: Und jetzt so?

SIE: Und jetzt so.

ER: Liebt antworteten sie ja?

SIE: Ja. Hier, siehst du, wie man zum Du übergehen muss? Ohne jegliche Brüderschaft.

ER: Ich war bloß ein Narr.

SIE: Und du bleibst es.

ER: Mit deinem Sie hast du mich die ganze Zeit zurechtgewiesen, gebremst.

 

SIE: Denn das war nötig.

ER: Ja, ich hab´ mich furchtbar benommen. Sag mir, warum du zu mir hergekommen bist? Aber ehrlich.

SIE: Und du kommst nicht drauf?

ER: Nein.

SIE: Ich hab´s dir doch schon erklärt.

ER: Erzähl mir bloß nichts von plötzlicher und wahnsinniger Liebe. Wir waren doch ganz unbekannt.

SIE: Ich weiß, das hat dir nicht gefallen. Du denkst, wie alle, dass so ein Verhalten einer Frau nicht ansteht. Aber wenn ich mich nicht aufgedrängt hätte, dann hätten wir uns auch nicht kennengelernt.

ER: Du bist wundervoll, aber wie hast du dich dazu entschieden?

SIE: Wahrscheinlich, weil ich nicht sehr glücklich bin.

ER: Du auch?

SIE: Ich auch. Hätte denn eine glückliche Frau in einem Restaurant einen unbekannten Mann angemacht?

ER: Und mir schien, dass du mich die ganze Zeit nur gereizt hast.

SIE: Ja, ich wollte, dass es wie ein Spiel aussah, aber tatsächlich war alles ernst. Und dann, mit meinem Spott und den Gemeinheiten, beschloss ich, dich zum gehen zu bringen Ich hab´ begriffen, dass es mir schon schwerfallen wird, dich zu verlassen.

ER: Wirklich?

SIE: Wirklich. Und das erschreckte mich.

ER: Mich hat es von der ersten Minute zu dir gezogen.

SIE: Ich weiß. Alle Männer zieht es zu allen Frauen. Aber ich wollte mehr. Das Unmögliche.

ER: Was denn?

SIE: Was will jede Frau? Liebe.

ER: Nun, du hast sie fast erreicht.

SIE: Fast? Das heißt, ich habe nichts erreicht Und am Morgen fliegst du weg

ER: Denken wir nicht an den Morgen. Sag, von woher bist du erschienen, ganz von Nebel und Geheimnissen umwoben?

SIE: Keinerlei Geheimnisse, alles gewöhnlich und einfach. Aber ich werde nichts erzählen. Ich will in deiner Erinnerung die geheimnisvolle Unbekannte bleiben.

ER: Warum? Ich habe dir doch gebeichtet. Und wozu sich zurückhalten? Wir gehen trotzdem in ein paar Stunden auseinander.

SIE: (Mit veränderter Stimme.) Du sagst das so leicht

ER: Aber wir gehen doch wirklich auseinander.

SIE: Und keine andere Variante?

ER: Welche Variante kann es denn noch geben? Das Ticket ist gekauft, zuhause wartet Arbeit

SIE: (Tritt von ihm zurück.) Und du kannst die Abfahrt nicht um einen Tag verschieben, um eine Stunde? Dein ganzes Leben ist abgemessen und geplant bis zum letzten Ende? Kannst du nur geradeaus gehen? Fürchtest du dich, einen Schritt nach rechts oder links zu machen?

ER: Ich fürchte mich nicht, aber

SIE: Nein, du fürchtest dich. Hast Angst vor Frauen. Angst vor Gefühlen. Fürchtest dich, wie du dich ausgedrückt hast, vor Romantik. Du sagtest, dass du keine leichten Bekanntschaften liebst, und selbst bevorzugst du doch leichte. Ruhige. Damit sie dich nicht beunruhigen. Damit sie nichts verändern. Mögen sie auch keine Freude bringen, Hauptsache, dass es keine Unannehmlichkeiten gibt. Auf rationaler Basis, wie in der Wirtschaftspolitik. Ware Geld Ware. Bett Geld Bett. Bloß keine Liebe. So ist es doch?

ER: Liebe, Liebe Und was dann? Wieder Enttäuschung? Wieder Betrug? Wieder Einsamkeit?

SIE: Was für ein Unterschied, was danach sein wird? Wichtig ist nur, was jetzt ist!

ER: Aber ich muss doch fliegen, das verstehst du doch

SIE: Das verstehe ich nicht. Warum musst du? Wem schuldest du etwas? Bist du Mensch oder Uhrwerk? Umstände lenken dich, oder lenkst du dein Schicksal?

ER: Ich weiß nicht Ich bin nicht gewöhnt, Entscheidungen so zu ändern, plötzlich Ja, und was ändert sich, wenn wir uns einen Tag später trennen?

SIE: Was sich ändert? Soll sich doch nichts ändern! Soll dies nur ein vorbeifliegender Tag des Glücks sein. (Fasst sich wieder.) Und im Weiteren tu das, was du musst.

ER: Wenn du willst, versuche ich das Ticket auf den Abendflug umzubuchen

SIE: Denkst du wirklich, dass ich dich überreden werde, zu bleiben? Selbst wenn ich wollte, würde ich nicht.

ER: Warum bist du denn plötzlich so aufgebraust? Davon haben wir doch beide vorher gewusst.

SIE: Mir tun die Leid, die die Zukunft vorher wissen. Morgen, wie heute, heute, wie gestern Wenn das Leben um die Überraschungen gebracht wird, dann lohnt es sich nicht, zu leben. So auch du, du lebst nicht, sondern existierst. Deine Seele ist leer, sie ist verschlossen. Flieg wohin du willst und wann du willst!

ER: (Versucht sie zu umarmen.) Ärger dich nicht

SIE: (Wehrt schroff seinen Versuch ab.) Hör auf! Man darf keine Frau umarmen und an ein Flugzeug denken. Gehen wir lieber auseinander, je schneller, desto besser. (Lange Pause.)

ER: Nun denn, dann brechen wir hier ab. Aber ich werde bedauern zu gehen und nichts über dich erfahren zu haben.

SIE: (Nach langer Pause.) Wenn du nicht bedauern willst zu gehen, erzähl´ ich dir von mir. Ich habe versprochen, dass dir nicht langweilig wird, und halte mein Wort.

ER: Du heißt doch nicht Henriette?

SIE: Natürlich nicht.

ER: Und wie?

SIE: Nun, wenn dir Henriette nicht gefällt, dann nenn mich Juana.

ER: Das macht keinen Unterschied. Was ist das jetzt wieder für eine Fantasie?

SIE: So haben sie mich in der Schule gereizt, Donna Juana.

ER: Warum?

SIE: Ich war ein belesenes und romantisches Mädchen. Und von klein an habe ich Don Juan vergöttert. Ich glaubte, dass Männer wie er mutige, tollkühne, großzügige, schöne, auch heutzutage existieren. Ich hoffte, dass ich ihn treffe, oder dass er mich findet. Ihm zuliebe wollte ich gebildet sein, klug, belesen Ich bin sogar in die Philologische Fakultät eingetreten, nur um im Original über meinen geliebten Helden zu lesen. Ich habe auch mein Diplom über Don Juan geschrieben.

ER: Aha, das heißt, du bist Philologe.

SIE: Ich stellte mir vor, wie er, wunderschön und männlich, kommt, um mich zu verführen, in dem er sein ganzes Arsenal von Charme und schöner Rede verwendet

ER: Und du bleibst natürlich unzugänglich?

SIE: Nein, im Gegenteil, ich habe mir in meinen Träumen ausgemalt, wie er mich erobert und ich gebe mich ihm hin mit aller Leidenschaft. Aber auch er liebt mich so, dass er mich nie verlässt. Ich habe mir wie alle gewünscht, die letzte Frau von Don Juan zu sein Idiotin, vollgestopft von Literatur.

ER: Bist du auch jetzt noch vollgestopft von Literatur?

SIE: Ja, aber keine solche Idiotin mehr.

ER: Und, hast du deinen Helden getroffen?

SIE: Hab´ ich Weder Intellekt noch Belesenheit retteten die junge, begeisterte Närrin vor einer kurzen, aber vollständigen Blindheit. Noch bevor er mich sitzen ließ habe ich verstanden, dass er ein einfacher eitler, schmieriger, ziemlich dummer Frauenheld ist, nichts mehr. Er hatte keinen Faltkalender, aber er hat selbst mit kleinlicher Sorgfalt seine Don-Juan-Liste geführt. Ich war seine Einundfünfzigste. Und er rühmte sich damit, nicht aufzuhören, bis er die Hundert erreicht hat.

ER: Und wie hast du das ertragen?

SIE: Ich habe mich an ihm gerächt.

ER: Wie?

SIE: (Schweigt.) Ich weiß nicht, ob ich es dir erzählen soll.

ER: Los, du hast ja schon angefangen.

SIE: Ach, wir gehen doch jetzt auseinander Gehen wir denn wirklich auseinander?

ER: Ja, natürlich. (Pause.) Was schweigst du denn?

SIE: (Ihr Ton ändert sich.) Hör zu, wenn dich das interessiert. Ich habe beschlossen, selbst Don Juan zu werden. Das heißt Donna Juana. Er verführte Frauen, und ich beschloss, Männer zu verführen. So viel, wie möglich. Wenn schon ein Mann von solcher Art als Held gilt, warum sollte dann eine Frau nicht Heldin werden?

ER: (Geht betrübt von ihr weg.) Und, hast du es geschafft?

SIE: Eigentlich, ja.

ER: Eine seltsame Rache.

SIE: Mag sein.

ER: Und dumm. Denn der, der dich verlassen hat, erfuhr doch davon gar nichts. Und wenn er es erfahren hätte, wäre es ihm egal gewesen.

SIE: So, wie er mir.

ER: Und wie viele Namen hast du in deiner Don-Juan-Liste?

SIE: Viele. Aber das Wichtigste, seit jener Zeit habe ICH sie immer verlassen und nicht sie mich.

ER: Wahrscheinlich hast du dich sehr bemühen müssen, um dein Idol zahlenmäßig zu übertreffen?

SIE: Nein, nicht besonders. Dazu musste sich Don Juan anstrengen, um die Frauen zu erringen, denn sie widersetzten sich. Und sie widersetzten sich, weil es sich für sie so gehörte. Aber Männer denken gar nicht daran, sich zu widersetzen. Du bietest dich an - sie sind sofort einverstanden. Und fühlen sich dabei noch als Sieger. Das ist sogar langweilig. Deshalb habe ich beschlossen, sie auf andere Art zu besiegen.

ER: Wie denn?

SIE: Nicht so, wie du denkst. Don Juan genügte es, mit einer Frau zu schlafen, um sie als Sieg zu verzeichnen. Aber für mich ist, sich einem Mann hinzugeben kein Sieg, sondern eine Niederlage. Und ich will siegen. Ich muss ihn wirklich erobern, ihn verliebt machen. Und das ist weitaus schwieriger.

ER: Sogar für eine Frau, wie dich?

SIE: Die Hauptschwierigkeit ist die, dem Mann die Initiative zu überlassen, und nicht, wie du erklärt hast, mir selbst. Der Rest erwies sich als ziemlich einfach.

ER: Und wie macht man, deiner Meinung nach, die Männer verliebt?

SIE: Eigentlich genau, wie die Frauen. Mit Schmeichelei. Grob, direkt ins Gesicht. Fast wie bei Hugo:

Sie {weiblich} fragten,

Wie man Schönlinge anlockt,

Wo ist der Zauber, zur Antwort,

Dass sie auf leidenschaftliche Worte hin

Uns in die Umarmungen sinken?

(Eine Pause einhaltend.)

- Lobt, - antworteten sie.

ER: Und diese Methode funktioniert?

SIE: Störungsfrei. Um die Wahrheit zu sagen, es gibt einen Unterschied. Wenn ein Mann mit Schwüren in ewige Liebe erringt, dann sollte die Frau, umgekehrt, versprechen, sich nicht auf alle Zeiten aufzudrängen. Das schreckt die Männer ab. Nein, nur für eine Nacht. Für eine Stunde. Du bist frei. Du bist nicht gebunden. Du bist zu nichts verpflichtet. Du kannst verschwinden, wegfahren oder wegfliegen, wann du willst und wohin du willst.

ER: (Kalt.) Ein interessanter Gedanke.

SIE: Das ist so bekannt, dass es sogar langweilig ist.

ER: Und du hast versucht, mich auf dieselbe Weise zu umgarnen?

SIE: (Herausfordernd.) Wodurch unterscheidest du dich denn von anderen? Übrigens, ist es nicht schon Zeit für dein Flugzeug?

ER: Du hast viel Geist, viel Galle, aber wenig Herz.

SIE: Sofort zu sehen, dass die Charakterisierung von einem Biologen ausgeht. (Pause.)

ER: Ich werd´ wohl gehen.

SIE: Ist es nicht zu früh?

ER: Ich wart´ auf das Flugzeug im Flughafen. Ich schlaf´ sowieso heute nicht mehr ein. (Nimmt seine Aktentasche, legt die Krawatte hinein, den Rasierer und weitere Kleinigkeiten.)

SIE: Und du gehst so? Ohne jedes Wanken?

ER: Ich geh´ so. (Pause.) Nehmen wir an, ich bleibe und wir lieben uns. Kann sein, dass mir das sehr gefällt. Kann sein, dass in mir sogar etwas mehr als nur Sympathie erwacht. Und danach wirst du lachen, holst dein Notizbüchlein heraus, machst einen Aufschrieb und sagst: Gut, du bist in die Liste eingetragen. Nummer einhundert. Du kannst gehen. So ist es doch? (Sie schweigt.) Nein, ich werde meine Pläne nicht ändern. Du bist stolz darauf, dass nun immer du sitzen lässt. Aber jetzt lässt man dich sitzen.

SIE: Macht nichts, ich überleb´s. Das habe ich schon erlebt. Und wir lassen uns nicht sitzen. Wir gehen einfach auseinander, es nicht geschafft habend, uns zu treffen.

ER: Umso besser. (Er schließt die Aktentasche, macht einige Schritte zum Ausgang, bleibt dann aber stehen.) Ich möchte nur fragen Woher ist dir bekannt, worüber auf der Konferenz gesprochen wurde?

SIE: Das ist das Einzige, was dich jetzt bewegt?

ER: Nein, aber Wenn du nicht willst, sag´s nicht.

SIE: Ich arbeitete als Simultanübersetzerin. Als du deinen Vortrag hieltst habe ich ihn auf Französisch übersetzt, und als die Franzosen oder Spanier ihre Vorträge hielten, habe ich sie auf Russisch übersetzt.

ER: Also daher ist mir deine Stimme bekannt!

SIE: Ja, du hast sie im Kopfhörer gehört. Siehst du, wie einfach alles ist.

ER: Aber Synchronübersetzung, dazu noch von spezifischen Texte, das erfordert doch eine enorme Qualifikation.

SIE: Ja. Und dafür bezahlt man mich gut. Du hast dich dafür interessiert, wie viel und wie ich verdiene. Jetzt weißt du es. Übrigens, dein Vortrag hat mir sehr gefallen.

ER: Hast du denn davon irgendetwas verstanden?

SIE: Stell dir vor! An der Universität studierten wir Psychologie, und so war es sogar interessant, dir zuzuhören. Nicht von ungefähr gibt es im Internet tausende Verweise auf dich.

ER: Ich sehe, du hast dich gut vorbereitet.

SIE: Kenn dich und kenn deinen Feind, und in hundert Kämpfen wirst du hundertmal siegen. Das ist ein chinesisches Sprichwort. Aber ich habe nicht gesiegt.

ER: Aber du wolltest?

SIE: Sehr. Ich habe den ganzen Abend gefürchtet, dass du jeden Moment aufstehst und gehst und habe mit allen Mitteln versucht, dich zu halten. Noch wenigstens fünf Minuten, noch eine Minute Deshalb habe ich mal die Prostituierte gespielt und mal die ordentliche Frau, war gepflegt, dann vulgär, hab´ deine Neugier angeregt, war anziehend, launisch, interessant, - nur damit du nicht gingst

ER: (Nach einem Schweigen.) Ja, unsere Bekanntschaft erwies sich als keine von den leichten. Du hattest Recht. (Nimmt den Schlüssel.) Gehen wir!

SIE: (Regt sich nicht von der Stelle.) Du gehst trotzdem?

ER: Und du gehst auch. (Lässt den Schlüssel um den Finger kreisen.) Ich muss abschließen.

SIE: Willst du mich auf die Straße hinauswerfen, in den Regen?

ER: Du kannst nicht hier bleiben. Ich muss den Schlüssel abgeben.

SIE: Mach dir keine Sorgen um mich. Geh! Ich schließ´ selbst zu und geb´ deinen Schlüssel ab.

ER: Und wohin gehst du denn in der Nacht?

SIE: Bewegt dich das? Ich wohne im Zimmer nebenan, du hast mich nur nicht bemerkt. Und ich wollte so sehr, dass du mich ansprichst!

ER: Wir waren neben einander diese ganzen vier Tage?

SIE: Ja. Und jetzt ist die Konferenz aus, und morgen Abend fliege ich auch weg. Das heißt, schon heute.

ER: Dann (Schwankt.) Und übrigens gut Auf Wiedersehen.

SIE: Bleib stehen!

ER: (Bleibt stehen.) Was noch?

 

 

SIE: (In ungezwungenem Ton.) Nichts Besonderes. Ich will dir zum Abschied einen Witz erzählen. Wenn schon vergnügen, dann bis zum Schluss. Ein Mann, erschöpft und bleich, kommt zum Arzt: Doktor, mich quält jede Nacht ein und derselbe Alptraum. Irgendeine Stimme sagt mir ununterbrochen etwas auf Französisch, wahrscheinlich etwas Wichtiges. Ich bemühe mich, es zu verstehen, schaffe es aber nicht. Das verursacht eine solche Unruhe in mir, dass ich aufwache und nicht mehr einschlafen kann. Verstehen Sie Französisch?, fragt der Arzt. Nein, das ist es ja gerade, antwortet der Patient. Sagt der Arzt: Das Einzige, was ich Ihnen empfehlen kann, ist Französisch zu lernen. Dann werden Sie verstehen, was Ihnen die Stimme sagt, und Sie werden sich vielleicht beruhigen. Ein Monat verging, und der Arzt trifft den Patienten zufällig auf der Straße, lustig und aufgeblüht. Nun, haben Sie Französisch gelernt?, fragt der Arzt. Nein, ich schlafe mit einer Übersetzerin!, antwortet der Patient.

ER: Wozu hast du mir das erzählt? Um mich erneut zu reizen?

SIE: (Schmunzelnd.) Damit du weißt, dass du eine seltene Gelegenheit verpasst hast, deine Depressionen loszuwerden. (Hart.) Und jetzt geh, geh so bald wie möglich! Ich bin sehr müde.

ER: (Er geht langsam zum Ausgang und bleibt in der Türe stehen.) Wahrscheinlich treffen wir uns nicht mehr. Aber anders geht es nicht Du musst mich verstehen (Sie antwortet nicht.) Leb wohl! (Er geht hinaus. Sie bleibt alleine und sitzt lange unbeweglich. Dann verlöscht sie langsam beide Kerzen. Durch das Fenster dringt das erste trübe Licht eines Herbstmorgens. Sie steht auf, setzt sich, steht wieder auf, dann beginnt sie maschinell den Tisch aufzuräumen. In der Tür erscheint er.) Ich bin´s wieder.

SIE: (Vertieft in ihre Gedanken, kommt nicht gleich zu sich, mit seltsamem Tonfall.) Etwas vergessen?

ER: Ja. Eigentlich - nein. Sag, du hast doch all das über dich ausgedacht?

SIE: Und wenn nicht?

ER: Du hast Recht, das ist nicht wichtig Weißt du, ich war kaum draußen, da hab´ ich endlich begriffen Wenn ich diese Möglichkeit verpasse, werde ich es mein ganzes Leben lang bereuen In dir gibt es Es fällt mir schwer, das zu erklären

SIE: Ich verstehe Sie nicht ganz.

ER: Ich versteh´ es selbst nicht. Ich hab´ das so lange nicht gefühlt. Und dachte, dass ich es nie mehr fühlen werde Dann fürchtete ich mich. Wir beide sind wie Falter nahe am Feuer. Obwohl wir wissen, womit das endet. Aber es ist mir gleich Wenn schon Feuer, denn schon.

SIE: (Zärtlich.) Beruhig´ dich! Setz dich! (Setzt sich.) Und jetzt erzähl, warum du trotzdem zurückgekommen bist?

ER: Hast du es nicht begriffen? (Nimmt die Sektflasche in die Hand.) Wir haben doch den Champagner noch nicht ganz ausgetrunken.

 

Ende

 

 

 

 

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Übersetzung und Fotos: Albrecht D. Holzapfel, 2013, Jalta/UA Herrenberg/D

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First: 03.05.2013 19:43

Last : 04.05.2013, 5.5., 6.5., 7.5., 8.5., 9.5., 10.5., 12.5., 18.5., 19.5.,